Von Rüdiger Bertram

Ob mit der Bahn, dem Schiff, zu Fuß oder mit dem Fahrrad – ohne Rheinpanorama begibt sich auch heute kaum ein Reisender auf die Fahrt entlang des romantischen Rheins zwischen Köln und Mainz. Zusammengelegt wie eine Ziehharmonika, ausgeklappt über zwei Meter lang, entfaltet sich vor dem Betrachter der Lauf des europäischen Stroms. Doch die Panoramen von heute haben den Charme verloren, den ihre Vorgänger im 19. Jahrhundert noch besaßen. Scheußlich bunt koloriert, weisen Farbphotos rechts und links des naiv gezeichneten Flußlaufs auf Burgen, Ruinen, Denkmäler und pittoreske Weindörfer an den Flußhängen hin. Erläuterungen in zwei bis drei Sätzen informieren den Reisenden in aller Kürze.

Wer jedoch die Burg Maus nicht mit der benachbarten Burg Katz verwechseln möchte und sichergehen will, daß er nicht aus dem falschen Fenster schaut, wenn der Zug am unscheinbaren Felsen der Loreley vorbeirast, kommt nicht ohne die Rheinpanoramen aus. Heute gibt es sie in vielen Sprachen, auch in Japanisch. „Die Rheinpanoramen sind immer noch sehr gefragt“, bestätigen die Andenkenhändler rund um den Kölner Dom unisono.

Köln ist traditioneller Ausgangspunkt der klassischen Rheinreise. Hier besteigt der Passagier den Zug oder, wenn er noch Muße und Zeit hat, das Schiff. So wie schon vor mehr als 150 Jahren die englischen Bohemiens, die den romantischen Rhein auf ihrer klassischen Bildungstour nach Italien entdeckten. Sie genossen die alten Sagen und den Anblick der Ruinen über den rebenbestandenen Weinhängen.

Das erste Dampfschiff, die Prinz von Oranien, fuhr 1916 rheinaufwärts, von London kommend über Rotterdam nach Köln. Elf Jahre später folgte der erste regelmäßige Linienverkehr der Preußisch-Rheinischen Dampfschiffahrtsgesellschaft zwischen Köln und Mainz. Zwei Tage dauerte die Fahrt den Strom hinauf, einen Tag die Reise in die andere Richtung. Damit war dem Massentourismus der Weg geebnet. Waren es im ersten Jahr rund 18 000 Passagiere, transportierte die Gesellschaft 1853 bereits 900 000 Touristen. Schon damals lagen die Rheinpanoramen bereit.

Ihre Geschichte hat der emeritierte Mathematikprofessor Alfred Sattler, der seit zehn Jahren die Drucke alter Rheinläufe sammelt, in einem kleinen Bändchen niedergeschrieben.

Die Geschichte der Rheinpanoramen begann mit einer Frankfurter Anwaltsgattin. Auf einer Reise entlang des Flusses skizzierte Elisabeth von Adlerflycht 1811 das Ufer zwischen Bingen und Koblenz. Aus diesen Aufzeichnungen entstand eine farbige Zeichnung, die der Verleger Johann Friedrich Cotta 1822 als Lithographie veröffentlichte. Die Kritik feierte das Blatt begeistert. Vor allem die neue, für Rheinpanoramen typische Perspektive beeindruckte die Rezensenten: „Es gibt gewisse Ideen, bey welchen man, wie bey glücklichen Erfindungen, sich verwundern muß, daß nicht schon längst Jemand darauf gekommen ist.“