Von Otto Kallscheuer

Rechtgläubige und Rechtschaffene kennen keine Identitätsprobleme. Der Horizont ihrer moralischen Welt ist nicht zu erschüttern. Jetzt war am Hort des rechten Glaubens die Rede von "Identität im Wandel". So lautete das Thema der Castelgandolfo-Gespräche, die das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in der Sommerresidenz und in Anwesenheit des Papstes veranstaltete, mitten in der brüllenden Augusthitze Latiums.

Vier Ventilatoren sind im "Schweizersaal" aufgestellt worden; ein Karree von Holztischen bietet Platz für die vierzig Teilnehmer; in einer Ecke des Gevierts, ein wenig abseits, Pult und Sessel des Gastgebers. Der Papst wirkt müde und krank – er ist zwar gebräunt, aber auch ausgezehrt. Er läßt es sich gleichwohl nicht nehmen, drei Tage lang den Referaten von Charles Taylor, Paul Ricoeur, Reinhard Koselleck, Bronislaw Geremek und anderen zuzuhören.

Mich hat Johannes Paul II. immer an mönchische Revolutionäre erinnert: an Hildebrand von Sovana alias Papst Gregor VII., der den deutschen Kaiser nach Canossa zwang, oder auch an Savonarola. Gewiß, Wojtyla ist ein Savonarola des Fernsehzeitalters. Doch seine puritanische Seite, wie immer man zu ihr stehen mag, scheint mir authentisch. Die Einrichtung seines Eßzimmers, in dem der Heilige Vater Konferenz-Teilnehmer zum Mittagessen einlädt, ist bescheiden.

Als ich ihm bei Tisch sage, seine Enzyklika "Centesimus Annus" habe mich in mancher Hinsicht an die "Kritik der ökonomischen Vernunft" meines Freundes, des Existentialisten André Gorz, erinnert, ergänzt mein Tischnachbar Rocco Buttiglione, jüngst habe der linke Gewerkschaftsführer Bruno Trentin die Sozialenzykliken des Heiligen Vaters als Hoffnung für die Arbeiterbewegung bezeichnet. Buttiglione, Mitglied der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften, ist zugleich der neue Parteichef der oppositionellen "Volkspartei" (PPI), sprich: der traurigen Reste der italienischen Christdemokratie. Aber auch eine kleine Partei könne in Zukunft wieder die Richtlinien der Politik bestimmen, verrät mir der gutgelaunte papistische Philosoph. Es komme nur darauf an, die "geistige Hegemonie" für die katholischen Grundwerte zu erringen. Fromme Wünsche.

Ein Hüter katholischer Rechtschaffenheit wie der deutsche Philosoph Robert Spaemann ist dem Begriff "Identität" gegenüber mißtrauisch: "Einem Nationalsozialisten, der sich für seine Verbrechen auf seine Identität als Nationalsozialist beriefe, würden wir empfehlen, diese seine Identität aufzugeben. Und wir würden dies tun aus der platonischen und christlichen Überzeugung, daß, wer mit dem für alle Menschen Guten nicht im Einklang ist, auch mit sich selbst nicht im Einklang sein kann." Wer Fragen nach dem rechten Gott und nach dem rechten Tun als Identitätsfragen behandelt, zeige damit nur, daß er die eigentliche Dimension des Religiösen und des Moralischen bereits verfehlt: Gott mehr gehorchen als den Menschen; die Wahrheit höher achten als das eigne (eitle) Ich oder Selbst; das Richtige tun und nicht etwa das, worin ich (nur) mir selber treu bleibe.

Der kommunitaristische Denker Taylor erinnert daran: Nicht einmal der junge Mann Luther, mit dem doch das moderne Identitätsprogramm begann, der Rekurs auf die Authentizität der eignen Überzeugung im Glauben allein (sola fide), nicht einmal Luther also hätte die Kehre, die ihn zur radikalen Infragestellung der institutionalisierten katholischen Wahrheit führte, als Identitätskrise bezeichnet. Luther habe seinen Horizontwechsel eben niemals als eine (rein) persönliche Frage begriffen. Doch das Postulat Johann Gottfried Herders, ein jeder Mensch habe "ein eignes Maß", ist ohne die Reformation, insbesondere die deutsche pietistische Tradition, ebensowenig denkbar wie Jean Jacques Rousseaus einsame Suche nach einer intuitiven Vernunft ohne das calvinistische Genf vorstellbar wäre.