So viel Geld im Rücken und so viel Chaos zwischen den Füßen. Und das alle zwei Jahre, seit 1974. In den Septembertagen platzt das Haus an der Kampchaussee 10 in Hamburg-Bergedorf aus allen Nähten, in den schmalen Fluren und kleinen Büros stehen die Pappkartons kreuz und quer.

Doch das Pappkarton-Chaos in der Bergedorfer Zentrale des Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten erträgt das hauptamtliche Team gerne, ist es doch der Preis für eine Rekordbeteiligung. Seit die Körber-Stiftung – mit geschätzten 650 Millionen Mark Aktienkapital eine der größten Privatstiftungen Deutschlands – vor zwanzig Jahren diesen konkurrenzlosen Schülerwettbewerb startete, mauserte der sich zur größten historischen Laienforschungsbewegung in Europa und ist inzwischen selbst ein Stück Zeitgeschichte.

An diesem 1. September wird nun als seit Monaten streng gehütetes Geheimnis das Thema des nächsten, des 14. Wettbewerbs verkündet. Zwischen Wismar, Kleve und Passau sollen Jugendliche in ihrem Lebensbereich jüngste deutsche Geschichte recherchieren und aufschreiben, was sie zum Thema „Ost-West/West-Ost Geschichte(n)“ erfahren. „Wenn ich an die Empfindlichkeiten in den Vordiskussionen denke,“ sagt Geschäftsführer Wolf Schmidt, „könnte es das brisanteste Thema sein, das wir je gemacht haben – fünf Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR. Jugendliche fragen: Wie hat die Teilung Euer Leben beeinflußt? Wie habt Ihr Euch Land und Leute ‚drüben‘ vorgestellt?“

Das Patent auf die Wettbewerbsidee hat der Stifter Kurt A. Körber persönlich. Dem verstorbenen Hamburger Ingenieur und Unternehmer gefiel Gustav Heinemanns Bemühen, die demokratischen Traditionen Deutschlands der Jugenc stärker ins Bewußtsein zu bringen. Als Körber 1992 starb, wurde die Stiftung Alleinerbin seines internationalen Maschinenbaukonzerns. Er war einer, der Prozesse in Gang bringen wollte Learning by doing: Warum sollte das nicht auch für den Umgang von Schülern mit der Geschichte gelten, um Demokratie und Toleram einzuüben? Warum sollte ein Dreizehnjährige! nicht in einem Archiv forschen? Was sprach dagegen, wenn die Jüngeren die Älteren nach ihren Erfahrungen in vergangenen Zeiten befragten? Ob Zufall oder das Glück des Tüchtigen: Die Idee Körbers fand offene Ohren bei einer Generation junger Historiker, die im Schwung des 68er Aufbruchs heraus wollte aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm; und es fanden sich genug Lehrer, die sich von neuen Ideen anstecken ließen. Historiker wie Lutz Niethammer oder Reinhard Rürup, inzwischen angesehene Vertreter ihres Fachs, wurden anfangs von nicht wenigen Kollegen schief angesehen, als sie Mitte der siebziger Jahre den Schülerwettbewerb als Experimentierfeld nutzten und keine Berührungsängste vor der Schulpraxis zeigten. So war der Wettbewerb über die Jahre hinweg zweierlei: ein Seismograph aktueller gesellschaftlicher Diskussionen und ein Impulsgeber für neue Entwicklungen in Pädagogik und Geschichtswissenschaft.

Seit Bundespräsident Gustav Heinemann 1974 die ersten Preisträger empfing, haben rund 75 000 Schüler und Schülerinnen aller Schultypen im Alter von 8 bis 21 Jahren 15 000 Arbeiten angefertigt. Das Ziel blieb bei aller Themenvielfalt dasselbe: Die jungen Leute sollen in ihrem persönlichen Umfeld durch die Befragung von Archiven und Zeitzeugen Spuren vergessener demokratischer Traditionen und der lange verpönten Alltagsgeschichte aufdecken. Forscher im kleinen werden diese jungen Menschen. Im Magazin Spuren Suchen bereitet das Bergedorfer Körber-Team sein neues Thema journalistisch auf. Der Text der Ausschreibung gibt den Schülern zusätzlich auf über zwanzig Seiten unzählige konkrete Anknüpfungspunkte, Denkanstöße und methodische Hilfestellungen.

Doch Planung vertreibt glücklicherweise die Spannung nicht. Noch jedesmal haben die jugendlichen Teilnehmer geschafft, wozu der Wettbewerb sie ermuntert: Sie setzen eigene, unerwartete Schwerpunkte, wofür die allgemein gefaßten Themen bewußt Raum lassen. Keiner der Wettbewerbsplaner sah zum Beispiel voraus, daß sich bei dem letzten Thema „Denkmal: Erinnerung, Mahnung, Ärgernis“ 1993 mehr als zehn Prozent der Schüler entschieden, die Geschichte eines jüdischen Denkmals zu erforschen.

Barbara Beuys

Auskünfte und Unterlagen: Körber-Stiftung, Kampchaussee 10, 21033 Hamburg