Eine Melodie wächst aus der anderen heraus. Treibt selbst einen Seitenzweig, der sich abermals teilt, derweil kehrt die erste Melodie zurück, grüßt kurz, schweift weiter und verliert sich in einer entlegenen Tonart. Dies sind zwei der untrüglichen Merkmale, an denen man die Musik Franz Adolf Berwalds immer leicht erkennen kann: seine unbändige melodische Erfindungskraft und die Lust am harmonischen Experiment. Diese unersättlichen Berwaldschen Ohrwürmer! Seine Themen scheinen wild zu wuchern ohne Rücksicht auf die Regeln der musikalischen Zivilisation. Und doch sind sie, bei Lichte besehen, klar und kantabel gebaut, auch wohl ordentlich durchgeführt (nur, daß sie eben kein Ende finden können). Viele der Berwaldschen Melodien wurzeln außerdem, ganz wie die Themen bei Haydn oder Mozart, in Wiener Tanzrhythmen (nur, daß sie manchmal auf und davon walzen).

Berwald ist einerseits Schwedens großer klassischer Sinfoniker, andererseits ein romantischer Abenteurer und seiner Zeit weit voraus, weshalb seine Werke auch noch im Wagner-Kreise Furore machen konnten: Hans von Bülow nannte ihn, als er im Jahre 1858 das dritte Klaviertrio kennenlernte, einen "wirklichen musikalischen Selbstdenker" und "alten Zukunftsmusiker". Jetzt sind erstmals hierzulande auf CD erhältlich: Berwalds frühes Violinkonzert cis-moll (1821) mit dem überlangen ersten Satz und der traurigen rattenschwänzigen Coda, die, als alles vorbei ist, noch einmal auf ganz neue Abwege zu geraten droht; sein einziges Klavierkonzert (1855), das, wie die Partitur vermerkt, auch ebensogut als Concert sans orchestre aufgeführt werden könnte, weil der Pianist keinen einzigen Takt pausieren darf; außerdem die Ouvertüre zu Berwalds letzter Oper ("Die Königin von Golcondo") sowie zwei närrische kleine sinfonische Dichtungen.

Das Royal Philharmonie Orchestra (London) unter Ulf Björlin spielt mit großem Schwung, nur nicht immer ganz gewissenhaft, die Solisten Marian Migdal (Klavier) und Arve Tellefsen (Violine) spielen gut. Das Beste aber ist: mit dieser Berwald-Platte startet eine neue Edition, die musikalische Raritäten wohlfeil unter die Leute bringen und ihnen "Zugang zu einer Welt weniger bekannter Werke" bieten soll. Mehr davon! Eleonore Büning

  • Franz Berwald: Orchestral Works

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