Sie können sich gar nicht vorstellen, was der Adenauer-Staat in den fünfziger Jahren bis in die sechziger Jahre hinein für ein Saustaat war, ein widerlicher, scheinheiliger, von Nazis durchsetzter, ekelerregender Staat. Militarisiert. Ich nenne mal nur zwei Siege der Studentenbewegung. Der eine Sieg ist die Entmilitarisierung. Der zweite Sieg ist die Kindererziehung. Noch vor 15 Jahren wurden die Kinder auf offener Straße geprügelt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, was da geschehen ist – an Veränderung, an Zivilisierung, an Endabrüstung innerhalb der Gesellschaft. Wir sind wirklich ein anderer Staat geworden. Und das gefällt mir.

Klaus Wagenbach, Verleger, in einem Gespräch mit dem Feuilleton des Berliner „Tagesspiegel“, 26. August 1994.

Uwe Johnsons späte Entdeckung

Sechzig Jahre nach der Geburt, zehn Jahre nach dem frühen Tod wird der als „schwierig“ geltende Erzähler Uwe Johnson von der Forschung entdeckt. Wer an dem Londoner Symposium „Uwe Johnson zum Gedenken“ vom 19. bis zum 21. September teilnimmt (Institute of Germanic Studies, 29 Russell Square, London WC 1B 5 DP), kann gleich Weiterreisen in Johnsons mecklenburgische Heimat. Vom 22. bis zum 24. September veranstalten die Mecklenburgische Literaturgesellschaft und das Institut für Deutsche Philologie der Universität Greifswald in Neubrandenburg ein „Internationales Uwe-Johnson-Symposium“. Besonderes Interesse dürften gleich am ersten Tag die Vorträge finden von Nicolai Riedel „Bibliographische Robinsonaden“ (zur Wirkungsgeschichte) und von Bernd Neumann (Trondheim), dessen Johnson-Biographie im Herbst erscheint, über „Zuordnungsprinzipien im Werk Johnsons“. Peter Ensberg (Meadville, USA) spricht über die englische Version der „Jahrestage“, Stefanie Golisch (Monza) über Johnsons Frauengestalten. Johnsons Stellung in der zeitgenössischen Literatur beleuchten Vorträge, die seine „Jahrestage“ in Beziehung setzen zur „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, Raymond Federmans „Double or Nothing“ und Jürgen Federspiels „Museum des Hasses“. Bei der Veranstaltung wird zum ersten Mal der Uwe-Johnson-Preis (50 000 Mark) verliehen, an den Erzähler und Lyriker Kurt Drawert.

Vom Porsche befreit...

Das Tempo dieser Zeit ist keine Kleinigkeit. Über die Datenautobahn schickt dpa die Meldung, die für ein echtes Turbo-Tempo sorgen wird. Anschnallen, bitte! Die Firma Porsche kann ihre Autos nicht mehr schnell genug verkloppen, weshalb sie auf die Idee verfallen ist, jedem Käufer eines Porsche eine „Bahncard First“ im Wert von DM 440,– incl. MwSt. zu spendieren. In einem Pilotprojekt hätten sich Porsche und Deutsche Bahn zusammengefunden, um „einen Beitrag zur Umsetzung des Themas moderne Verkehrssysteme im Verbund“ zu leisten. Wie man sich aber diesen Verbund konkret vorzustellen hat, haben die Kollegen von dpa zu erwähnen vergessen. Vielleicht so?Der stolze Besitzer eines niegelnagelneuen Porsche setzt morgens seine Schutzbrille auf und besteigt in Hamburg-Dammtor den ICE „Windsbraut“; damit sich sein Auto nicht langweilt, darf es schon mal vorfahren. Während Herrchen im ICE-Restaurant Platz nimmt und das reichhaltige Frühstück 2 verspachtelt, brummt sein herrenloses Auto unverweilt durch die norddeutsche Tiefebene. Mit Kollegen sitzt unser Porsche-Pilot dann im Bordtreff bei einem Fürstenberg zusammen und beginnt sein hartes Tagwerk: Mit Laptop und Solarrechner wird der Markt in der Niederlausitz und im östlichen Kamerun einigermaßen proporzgerecht aufgeteilt. Derweil draußen der Porsche auf Touren kommt und sich in die Kasseler Berge vorarbeitet. Man schäkert ein wenig über Verkehrsleitsysteme der Zukunft, läßt sich einen Großauftrag aus der südchinesischen Freihandelszone auf der Zunge zergehen, und da kommt auch schon das Zürcher Geschnetzelte an Kräuterbutter und Salbei. Aber wo soll dieses Wettrennen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Ökologie und Rinderhack, zwischen Bahncard und Benzingutschein bloß enden? Wir wissen es nicht, ahnen aber einen geradezu faustdeutschen Konflikt, zwei Seelen und so in einer einzigen Brust. Wer wird gewinnen? Hase oder Igel, Porsche oder die Deutsche Bahn? Und, wichtiger noch, wer kriegt Gretchen? Die ZEIT ist wie immer hautnah dabei. Bleiben Sie dran!