Von Wolfgang Hoffmann

Peter Schirrmann ist seit nunmehr zehn Jahren im Handel mit Kuba tätig und noch immer zuversichtlich. „Unter den Blinden ist der Einäugige König“, hält sich der Hamburger zugute. Mit den zehn Mitarbeitern seiner Firma Delatrade wickelt er stolze zehn Prozent des gesamten deutsch-kubanischen Handelsvolumens von 65 Millionen Mark (1993) ab. Das Unternehmen liefert vorwiegend Rohstoffe für die Arzneimittelproduktion, Vitamine für Futtermittel und Medikamente.

Trotz eigener guter Erfahrungen mit Fidel Castros Wirtschaftsfunktionären rät Schirrmann zu Vorsicht: „Jemandem, der neu einsteigen will, würde ich heute nicht unbedingt empfehlen, nach Kuba zu gehen.“ Wer kein eigenes Büro in Havanna unterhalte, „läuft leicht Gefahr, Schiffbruch zu erleiden“. Der Unterhalt des Büros wiederum sei sehr teuer.

Tatsächlich gibt es noch Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem sozialistischen Relikt in der Karibik. Aber sie folgen eigenen Regeln. Da ist zunächst der chronische Devisenmangel, der jedes Geschäft mit Kuba zum Abenteuer macht. Der Ausweg heißt in den meisten Fällen: Tauschhandel, so wie ihn die Deutschen aus ihren langjährigen Beziehungen zu den osteuropäischen Staatshandelsländern kennen. Der Exporteur wird bei diesen „Bartergeschäften“ nicht in Geld bezahlt, sondern in Waren, für die er meist selbst keine Verwendung hat, sondern die er vermarkten muß, um an Geld zu kommen.

Peter Schirrmann etwa setzt bei seinen Bartergeschäften auf Nickel. Von diesem begehrten Metall hat Kuba reichlich, und nach einem technisch bedingten Rückgang in den vergangenen Jahren steigt die Förderung heute, dank kanadischer Hilfe, sogar wieder. Absatzprobleme gibt es nicht. Wegen des harten Embargos der Vereinigten Staaten gegen Kuba müssen deutsche Metallverarbeiter zwar aufpassen, daß amerikanische Zollbehörden nicht etwa den Verdacht schöpfen, die deutschen Produkte könnten kubanisches Nickel enthalten. Weltweit besteht jedoch eine hohe Nachfrage nach Nickel, und Schirrmann könnte mehr verkaufen als er hat. Da die Kubaner jedoch zunächst ihre Großabnehmer wie Kanada beliefern, „bekommen wir nur das, was übrig bleibt“.

Das Embargo der Vereinigten Staaten stört im übrigen nur noch wenige ihrer Verbündeten. Kanada hat neue Wirtschaftshilfen für Kuba angekündigt, Spanien baut die traditionellen Beziehungen nach Havanna wieder aus, die Regierung in London hat den britischen Töchtern amerikanischer Unternehmen sogar ausdrücklich verboten, sich an US-Vorschriften zu halten, die ihnen Geschäftsbeziehungen zu Kuba untersagen.

In Bonn ist die Haltung gegenüber Castro uneinheitlich. Einerseits hält das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit noch immer eisern an der Devise des früheren Ressortchefs Jürgen Warnke fest, man dürfe ein zur Ablösung anstehendes Regime nicht noch stabilisieren. Sogar die Gratislieferungen von Milchpulver für kubanische Schulkinder, ein Projekt der früheren DDR, wurden eingestellt, weil – so das Bonner Argument – Soldaten das Pulver verteilen.