OFFENBURG. – Sie fahren schnelle Fahrzeuge und tragen Strickmasken, und der Umgang mit Maschinenpistolen ist ihnen vertraut. Sie kommen aus Straßburg, Colmar oder Mulhouse, und sie lieben Ausflüge ins deutsche Grenzgebiet. Noch gut in Erinnerung ist Offenburger Kriminalbeamten die Nacht auf den 22. Juni, als mehrere Täter einen Banktresor im grenznah gelegenen kleinen Sasbach knacken wollten. Den Geldschrank hatten sie bereits per Seilwinde auf die Straße gezerrt – aber sie waren zu laut: Vom Lärm geweckte Nachbarn alarmierten die Polizei. Die Beamten wurden mit Feuer aus Maschinenpistolen in Deckung gezwungen, die Fluchtfahrzeuge fanden sich kurze Zeit später jenseits der Grenze, in Straßburg, wieder.

Rauh und nicht selten brutal geht’s zu am Südabschnitt der deutsch-französischen Grenze. Banküberfälle, Einbrüche, Diebstähle – die Vorfälle häufen sich, und immer öfter sind Grenzgänger am Werk. Vor allem im Großraum Offenburg, wo eine eigens gegründete „Ermittlungsgruppe Grenzland“ die Grenzgänger unter den Ganoven im Visier hat. Vor eineinhalb Jahren aus der Taufe gehoben, arbeitet sie immer noch – obwohl sie längst aufgelöst sein sollte: zu viele neue Fälle, zu viele Spuren, zu viele Täter. Im ersten Halbjahr 1994 verzeichnet die Statistik weit über hundert unaufgeklärte Fälle, in denen die Spurenlage eindeutig in Richtung Frankreich weist.

Unter den Polizeibeamten längs des Rheins rumort es. „Die Polizei ist ja nicht gegen eine Öffnung von Europa, aber Tatsache ist, daß die Fälle, in denen die Spuren nach Frankreich führen, viel häufiger geworden sind“, klagt ein örtlicher Funktionär der Deutschen Polizeigewerkschaft. Auch dort ist der neue Trend aufgefallen. „Wir haben tatsächlich ein Potential an Jugendbanden und anderen Kriminellen, die von der Grenzöffnung profitieren“, bestätigte ein Inspektor beim französisch-deutschen „Commissariat“ in Straßburg.

Doch während die deutschen Beamten stöhnen, ist jenseits des Rheins alles wie zuvor: „Deutsche, die ins Elsaß kommen, um Straftaten zu begehen – dieses Problem kennen wir überhaupt nicht“, bekannte kürzlich der Polizeichef des Oberelsaß, Alain Fernet. Und so hat er durchaus Verständnis für den Verdruß der deutschen Kollegen.

Verstärkt wird der Ärger dadurch, daß die Polizisten an der Grenze haltmachen müssen. Als im vergangenen November nach einem Banküberfall in dem Örtchen Bühl-Rheinau ein Streifenwagen den mutmaßlichen Tätern über den Rhein hinterherhetzte, stoppte ihn ein Fax aus Frankreich, eingegangen in der Offenburger Polizeizentrale: „Es muß eine schriftliche, ins Französische übersetzte Anfrage der deutschen Justiz vorliegen.“ Die dauert in der Regel Tage bis Wochen. Die Fahnder stoppten, die Täter entkamen. Fahndung und Zugriff sind für deutsche Beamte auf französischem Boden nicht gestattet.

Vor der Grenzöffnung wurde, wenn nötig, „die Grenze eben geschlossen, ein Stau provoziert, und dann konnte man auch zuschlagen“, erinnert sich ein Beamter. Damit ist’s nun vorbei, die Fahnder diesseits müssen sich auf den guten Willen der Kollegen jenseits verlassen. Der ist manchmal da, manchmal auch nicht.

Auch der Bundesgrenzschutz beklagt sich. Als „paradox“ bezeichnet ein Sprecher in Weil am Rhein den Umstand, „daß wir immer weniger kontrollieren und immer mehr Straftaten aufdecken“. Um 15,6 Prozent sei die Zahl der Aufgriffe an der Grenze im ersten Halbjahr 1994 gestiegen. „Überwältigend“ nennt er die Ergebnisse bei zwei Schwerpunktaktionen an der Westgrenze in den vergangenen Monaten. Innerhalb von 48 Stunden zogen die Grenzschützer vierzehn gestohlene Fahrzeuge aus dem Verkehr. Derweil „trocknet die Schweizer Grenze aus, weil alles auf die offene französische Grenze ausweicht“.