Den Laden in der Leipziger Karl-Liebknecht-Straße Nummer 105 dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben. Doch voller Stolz schreitet Günter Jahnke durch die schmalen Gänge und zeigt liebevoll auf die Waren in den beladenen Regalen: die schönen Weine aus Frankreich, Italien und den klassischen deutschen Anbaugebieten und sogar einige Gewächse von den Elbhängen, feine Pralinen und Schokolade. Dazu eine kleine Theke mit Salaten, Wurst und Käse. Und dann noch das normale Lebensmittelsortiment – Zucker, Mehl, Nudeln, abgepacktes Brot, Kekse und frische Milchprodukte. Gerade mal fünfzig Quadratmeter mißt das Reich von Günter Jahnke und hat nicht die leiseste Chance, mit irgendeinem Supermarkt mithalten zu können.

Unter zweihundert Quadratmeter ist ein Lebensmittelgeschäft nicht überlebensfähig. Das hatten Manager der westdeutschen Konzerne dem Leipziger, der nach dem Ende der DDR endlich auf eine erfolgreiche Kaufmannskarriere gehofft hatte, gleich gesagt.

Daß sein Laden trotzdem noch lebt, wäre ein kleines Wunder zu nennen, wenn Günter Jahnke nicht verraten würde, daß dahinter Lernbereitschaft, Initiative, ein bißchen Glück und sehr viel Arbeit stehen. "Ich habe", erzählt er heute, "damals gut zugehört." Auf einen Konkurrenzkampf mit den großen Supermärkten also durfte er sich gar nicht erst einlassen. Statt dessen erfüllte sich Jahnke, der den kleinen Tante-Emma-Laden von seinem Vater, einem alten Edeka-Genossenschaftler, übernommen hatte, einen Traum: Er wollte seinen Kunden etwas Besonderes bieten – er wollte ein Feinkostgeschäft. Nun endlich gab es Ware in Hülle und Fülle. Und zum Glück liegt der Laden an einer vielbefahrenen Wohn- und Geschäftsstraße, die ins Zentrum Leipzigs führt. Ohne diese Lage hätte wohl auch Günter Jahnke das Schicksal so vieler kleiner Händler der ehemaligen DDR getroffen – sie mußten aufgeben.

"Für mich", sagt der freundliche Mann heute, "hat sich das rundum positiv entwickelt." 1992 war sein bisher bestes Jahr – 1,5 Millionen Mark Umsatz. Doch seither bröckelt es kräftig: In diesem Jahr erwartet Jahnke nur 1,1 bis 1,2 Millionen Mark. Die Rezession macht sich eben bemerkbar. So hätte er eigentlich in Ruhe auf den Aufschwung warten können, wenn da nicht noch etwas wäre: "Die Riesendinger rund um Leipzig."

Wie an einer Kette reihen sich die "Dinger" rund um die Messestadt – Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Im Süden vor den Toren der Stadt Marktkauf- (12 700 Quadratmeter) und Globus-Center (17 300) sowie der auf Zuwachs angelegte Pössna-Park (jetzt 29 000, geplant sind 40 000), nordöstlich der Sachsenpark (jetzt 24 000, geplant: 62 500), im Westen – nur durch die Bundesstraße 181 getrennt – Löwen-Center (32 500) und Rückmarsdorf (bisher 13 000).

Südlich der Autobahn Leipzig-Halle liegt auf halber Strecke die Perle der ostdeutschen Einkaufszentren und zugleich das größte der Bundesrepublik: der Saalepark. Auf 97 000 Quadratmetern rechts und links an einer glasüberdachten Promenade finden sich nahezu komplett die bekannten westdeutschen Filialisten wieder: vom Horten-Warenhaus über Bijou Brigitte, C & A, Jean Pascale bis zu Montanus, Eduscho und Mister Minit – das getreue Abbild einer westdeutschen Fußgängerzone. Und auf dem Weg nach Halle – beide Städte sind nur gut vierzig Kilometer voneinander entfernt – geht es weiter mit dem Center Wiedemar (34 000) sowie dem Halle-Peißen-Center (55 000).

Für den Run der Investoren auf die Region Leipzig-Halle gibt es gute Gründe: Der Großraum zählt mit rund zwei Millionen Einwohnern zu den attraktivsten der neuen Länder. Leipzig hatte sich schon zu: DDR-Zeiten als Handels- und Geschäftszentrum etabliert. Kaufkraft und Einzelhandelsumsatz liegen deutlich über dem Durchschnitt für die ehemalige DDR.