Von Werner A. Perger

Bonn

Wenn er sich umschaut, sieht Klaus Kinkel eine Menge Gegner und Gefahren für sich, für seine Partei und für den Liberalismus. Nicht zu Unrecht. Der Zeitgeist ist nicht liberal, und die Zeiten sind es auch nicht. Also was tun?

Als erstes spricht er Körpersprache. Er schlägt zu. Die rechte Faust landet beim imaginären Gegenüber in der Mitte des Brustkorbs, dort, wo ihm im Ernstfall bei einem solchen Treffer die Luft wegbliebe. Dazu sagt Kinkel: "Die Klugscheißer werden schon sehen." Er meint: die Journalisten. Denen, die ihn und seine Partei abgeschrieben oder gar runtergeschrieben haben, werde er es zeigen, schlägt noch mal zu und geht. Denn er hat ein volles Programm. Er muß die Partei aufmöbeln, ihre Moral stärken. In diesem Sinne dröhnte er auf dem Parteitag in Nürnberg am vergangenen Sonntag: "Wir stehen auf und kämpfen, kämpfen, kämpfen." Am Ende standen die Delegierten auf und klatschten, klatschten, klatschten.

So viel Jubel bekommt er nicht immer. Der Vorsitzende als Kämpfer: eine neue Kinkel-Erfahrung für viele in der Partei. Daß er sich, wenn schon nicht mit Kohl, so doch immerhin mit Wolfgang Schäuble anlegte, hob die Stimmung. (Altmeister Genscher tat wenige Stunden später dasselbe mit mehr Feuer und Esprit, doch was schadet das?) Daß er den Kanzler, dessen autokratischen Regierungsstil kürzlich Otto Graf Lambsdorff in einem taz-Interview erfrischend karikiert hatte, wenigstens von der Seite her ein wenig annahm, wurde von den Delegierten dankbar gewürdigt. "Aber wir sind", so Kinkel, "gegen die Galeeren, auf denen fünfzig Mann so rudern müssen, wie einer trommelt." Anders als Sabine Leutheusser-Schnarrenberger rieb Kinkel sich im übrigen vor allem an der SPD und am rotgrünen Gespenst.

Die Justizministerin sorgte für inhaltliche Trennschärfe gegenüber den Großparteien, vor allem gegenüber den Konservativen, doch das war dieses Mal nicht so gefragt. Der Lärmpegel im Saal der Nürnberger Frankenhalle stieg während "Schnarris" engagierter Rede. Das ist nicht ganz überraschend für die FDP im zwölften Kohl-Jahr und knapp vor der Wahl. Sie freut sich lieber ausgelassen, ohne Gefühl für das Kasperlhafte der Situation, wenn ihr Spitzenmann vor den Kameras die Hemdsärmel hochkrempelt, den Bizeps zeigt und die Daumen hochstreckt. Doch die Verteidigung des "Verfassungspatriotismus" gegen den neuen alten Nationalismus weckt keine großen Gefühle, das treibt Kinkels Liberale zur Zeit nicht um.

Es ist im übrigen sein erster Wahlkampf in voller Verantwortung an der Spitze. Zum ersten Mal auch kandidiert Klaus Kinkel, in Karlsruhe, für den Bundestag. Mehr als zwanzig Jahre wirkte er an unterschiedlichen Stellen im Schatten, als Genscher-Helfer, als BND-Chef, als Justizstaatssekretär. Anfang 1991 wurde Kinkel, nicht unerwartet, Justizminister. Kurz darauf erst trat er in die FDP ein. Schon im Mai 1992, nach Genschers Rücktrittscoup, wurde er, diesmal allerdings überraschend, Außenminister, wenngleich erst nach einem kleinen Aufstand in seiner Partei. Erste Wahl der Parteispitze war zunächst Irmgard Schwaetzer. In den Führungsgremien der FDP, Fraktion und Bundesvorstand, regte sich jedoch Widerstand, Kinkel willigte nach langem Hin und Her in eine Gegenkandidatur ein und gewann die Kampfabstimmung mit klarem Vorsprung. So ist in Deutschland noch niemand Außenminister geworden.