Von Hans Harald Bräutigam

Wenn Ärzte mit ihrem Latein am Ende sind, weil es ihnen nicht gelingt, anhand unterschiedlicher Krankheitszeichen eine Diagnose zu stellen, dann suchen sie mitunter Zuflucht bei einem nichtssagenden, aber gelehrt klingenden Begriff: etwa bei einem „Syndrom“. Der Dernier cri ist das sogenannte chronische Erschöpfungssyndrom, an dem angeblich über eine Million Bundesbürger leiden und für das, ginge es nach einigen Vertretern der Heilkunst, bald die Krankenkassen aufkommen sollen. Diese Bürger schlafen schlecht, können sich nicht konzentrieren und vergessen alles. Wenn sie dann noch traurig gestimmt sind, Gelenkschmerzen oder leichtes Fieber haben, reihen sie sich unter die Menschen ein, für die manche Ärzte eine neue Bezeichnung gefunden haben – das Chronic-Fatigue-Syndrome.

Die auch bei uns gebräuchliche, aus den Vereinigten Staaten stammende Abkürzung CFS ist neu, die Krankheit jedoch alt: Sie hat der amerikanische Arzt Georges Beard bereits vor über hundert Jahren bei Soldaten des Bürgerkriegs zwischen Nord- und Südstaaten ausgemacht. Auf den Gedanken, ihre Erschöpfung als ein „Nervous-Exhaustion-Syndrome“ zu bezeichnen, ist Beard nicht gekommen. Damals waren die Ursachen ja wenigstens bekannt: Strapazen, Hunger, Wundinfektionen und Seuchen.

Im Jahre 1985 erkrankten erfolgreiche und hart arbeitende junge Männer und Frauen, Urenkel der Bürgerkriegskämpfer, auf einem ganz anderen Schlachtfeld: An der New Yorker Wallstreet oder im kalifornischen Lake Tahoe, dem Wochenendparadies für eilige Urlauber, klagten die Yuppies, die Golden Boys der schnellen Dollarmillion, über plötzlich auftretende Müdigkeit, geschwollene Lymphdrüsen und Muskelschmerzen. Einen Namen für diese plötzlich auftretenden rätselhaften Störungen haben die Medien rasch gefunden: Yuppie-Grippe oder Lake Tahoe disease.

Die amerikanische Gesundheitsbehörde, die Centers for Disease Control (CDC), wurde hellhörig – nicht zuletzt, weil sie eine andere, viel gefährlichere Seuche – Aids – zu spät erkannt hatte. Eine solche Panne sollte sich nicht wiederholen. Eilig wurde deshalb beim CDC eine Spezialabteilung gegründet, die sämtliche verfügbaren Befunde bei den abgeschafften und aufgebrachten Yuppies sichtete. Zunächst galt es den Verdacht zu klären, ob CFS wie Aids übertragbar sein könnte. Ein naheliegender Gedanke, denn wie bei jeder Infektion reagierte auch bei CFS das Immunsystem. Allerdings nicht so einheitlich wie bei einer HIV-Infektion: Mal lag die Zahl der für die Körperabwehr maßgebenden Lymphozyten höher, mal niedriger. Andere bakterielle oder virale Infektionen wie die bei jungen Leuten verbreitete Ansteckung mit dem Epstein-Bar-Virus (Kußfieber) oder sexuell übertragbare Erkrankungen durch Chlamydien oder Candida-Pilze konnten die Mikrobiologen ebenso nachweisen wie Psychiater leichte oder schwere Depressionen. Für die tatsächliche Häufigkeit des neuen Syndroms konnten die Wissenschaftler vom CDC aber nur Schätzungen vorlegen. Daß dabei phantastisch hohe Zahlen genannt wurden, von ein bis zwei Prozent der amerikanischen Bevölkerung war die Rede, läßt sich mit dem eifrigen Marketing für Forschungsprogramme erklären. Ist die Gefahr groß, fließt mehr Geld. Das war bei Aids so und ist bei CFS nicht anders.

Vor knapp zwei Jahren schwappte die Aufregung über CFS auch zu uns herüber. Eine Reihe von Ärzten, vertraut mit der CFS-Diskussion in England und den Vereinigten Staaten, haben ihre fachliche Unterstützung Selbsthilfegruppen angeboten, die nach amerikanischem Vorbild das neue Syndrom von den deutschen Gesundheitsbehörden als eigenständige Krankheit anerkannt sehen wollen. Bemerkenswerterweise klagen aber bei uns nicht erschöpfte Politiker, Schwerarbeiter oder gestreßte Manager über das Syndrom, sondern die zahlreichen, von vermeintlichen oder tatsächlichen schädlichen Umwelteinflüssen bedrohten Mitbürger. Wie der Düsseldorfer Mediziner Arnold Hilgers glauben sie, daß CFS eine Art von „chemischem Aids“ sei, und fordern deshalb von den Ärzten vorsorglich alle nur möglichen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen – und von den Krankenkassen die Begleichung der Rechnung.

Das Bonner Gesundheitsministerium, von einigen Ärzten, Patienten und ihrer Kölner Selbsthilfegruppe mit der Forderung nach Anerkennung von CFS als Krankheit gedrängt, hat das getan, was Politiker in solchen Situationen immer tun: Man schuf eine Arbeitsgruppe zu CFS. Die Ärztin und Staatssekretärin Sabine Bergmann-Pohl, für Gesundheit zuständig, hat diese Arbeitsgruppe Ende letzten Jahres eingerichtet. Der Kölner Immunpathologe Gerhard Krüger leitete sie. Unter Mitwirkung deutscher und amerikanischer Spezialisten wurden nun am 26. August auf einem „CFS-Mini-Workshop“ Leitlinien zur Diagnose des Syndroms diskutiert.