"Zu Beginn des Studiums", erzählt Mohsen Kadivar aus Teheran, "sucht sich jeder Schüler seinen Meister. Dabei geht es nicht allein um Inhalte. Je höher das Ansehen des Lehrenden, um so größer seine Gefolgschaft. Der Gradmesser des Erfolgs, für einen Ajatollah ist die Zahl seiner Zuhörer bei den Freitagspredigten. Je mehr Gläubige ihn verehren und seinem Rat vertrauen, um so mehr Spenden und Geld erhält er. Gläubige Schiiten, vor allem die Leute im Basar, die großen und die kleinen Händler, zahlen ein Fünftel ihres Einkommens an den Klerus. Ein Ajatollah mit viel Geld hat entsprechend viel Macht und Einfluß. Er verteilt es an Bedürftige oder investiert es nach seinen Vorstellungen. Die einzelnen Institute der Hawza sind alle Gründungen verschiedener Ajatollahs. Sie zahlen Stipendien an die Studenten, um die Zahl ihrer Anhänger und damit ihren Einfluß zu mehren. Die Hawza ist also keine gewöhnliche Universität, sie ist ein gesellschaftliches Labor. Wer in Qom das Sagen hat, bestimmt die Politik im Iran."

Wir sitzen im Innenhof der ältesten theologischen Fakultät in Qom. Alle Seiten werden umschlossen von zweistöckigen Flügeln, in denen die Unterkünfte der Studenten liegen. Meist teilen sich drei oder vier ein kleines, spartanisch eingerichtetes Zimmer. Blau und türkis sind die Farben von Qom, der Schulen und der Moscheen. Überall prächtige Mosaiken in den Farben des Paradieses. Studenten und Professoren sitzen im Schneidersitz auf dem Boden, dozieren und disputieren. Da es keine Prüfungen gibt und keine Noten, entscheiden rhetorische Fähigkeiten und religiöses Wissen über Aufstieg und Status der Mullahs.

"Das Studium in Qom umfaßt drei Stufen", erklärt Mohsen Kadivar, ein Student der höchsten Stufe. "Die erste Stufe heißt muqaddamat, Vorbereitung, und dauert gewöhnlich fünf bis sechs Jahre. In dieser Zeit lernen wir Arabisch, die Sprache der koranischen Offenbarung, und Rhetorik. In der zweiten Stufe, suth genannt, Oberfläche, befassen wir uns mit klassischen Texten, mit Philosophie und islamischem Recht. Das dauert ungefähr fünf Jahre. Dann kommt die höchste Stufe: charidj, Draußen. Wir interpretieren den Koran und die religiösen Überlieferungen. Bücher werden kaum noch zu Rate gezogen, wir müssen eigene Urteile fällen. Wir dürfen Talar und Turban tragen und haben das Recht, Texte oder Ansichten großer Gelehrter zu kritisieren. Die Dauer dieser Stufe ist unbegrenzt."

Es liegt im Ermessen des Lehrmeisters, seinen Studenten nach eingehender Beobachtung die Erlaubnis zu erteilen, als Mudjtahid zu wirken – ein Privileg, das mindestens fünfzehn Jahre Studium erfordert. Ein Mudjtahid, ein "selbständig Forschender", ist der ranghöchste Interpret schiitischer Lehre. Er gilt als moralische Instanz und entscheidet, wie sich die Gläubigen im Lichte islamischer Traditionen und Gebote zu verhalten haben. Er macht Politik, indem er sich zu gesellschaftlichen Fragen äußert; er wirkt als Jurist, insbesondere im Ehe-, Familien- und Erbrecht; er ist anerkannter Schiedsrichter bei Streitigkeiten; er bestimmt, welche Musik, welche Getränke, welche Bekleidung religiös erlaubt sind und welche nicht.

Der Einfluß eines Mudjtahids entspricht der Größe seiner Gefolgschaft. Seine Urteile sind nicht verbindlich für die Anhänger anderer Mudjtahids, wenngleich grundlegende theologische Differenzen eher die Ausnahme sind. Religiöse Autorität, Lebensalter, Macht und Einfluß legen die Rangfolge fest. Der erste Ehrentitel, den ein Mudjtahid erwerben kann, lautet Hojatoleslam, "Beweis des Islams". Der iranische Präsident Rafsandjani beispielsweise trägt diesen Titel. Die nächste Stufe ist Ajatollah, "Zeichen Gottes", und eine ganz kleine Zahl von Theologen schafft es bis zum Großajatollah, genannt "Vorbild der Nachahmung". In Qom gibt es etwa 600 Mudjtahids und sechs bis zehn "Vorbilder". Das jüngste Vorbild ist gerade achtzig geworden.

Ein langer Weg zur Heiligkeit. Nur der kleinste Teil der Studenten steigt auf zum Mudjtahid. Die anderen werden einfache Theologen, Beamte, Lehrer; manche studieren allein aus Prestige, bevor sie Händler werden im Basar. Gläubige Schiiten sind verpflichtet, ein "Vorbild der Nachahmung" zu wählen und ihm zu folgen. Nur gibt es im Schiitentum viele "Vorbilder", deren äußere Be-

  • Fortsetzung nächste Seite
  • Fortsetzung von Seite 49