Von Karl-Heinz Janßen

Die Militärs hatten es mit einem Mal sehr eilig. Auf der Hand des Kriegsministers Erich von Falkenhayn unterzeichnete Kaiser Wilhelm II., im Stehen, die Ordre über die drohende Kriegsgefahr. An diesem Nachmittag des 31. Juli 1914 im Sternensaal des Berliner Schlosses machte die deutsche Reichsleitung den Weg frei in den Weltkrieg. Die Szene ist überliefert im Tagebuch Falkenhayns aus der Julikrise; das Tagebuch ist zwar verschollen, aber eine Abschrift fand sich überraschend in den Potsdamer Archivbeständen, und Holger Afflerbach hat sie in einer außergewöhnlich ergiebigen Doktorarbeit verwertet.

Sein Buch, die erste wissenschaftlich fundierte Biographie Falkenhayns, zwingt die Forschung, die Geschichte des Kriegsbeginns 1914, die man für abgeschlossen hielt, in einigen Passagen neu zu schreiben. Es fängt schon an mit der Behauptung, die Militärs hätten sich, obwohl der Krieg seit dem 5. Juli beschlossene Sache gewesen sei, zur Täuschung der Weltöffentlichkeit in den Urlaub begeben. Tatsächlich hatte aber Reichskanzler von Bethmann Hollweg sie wochenlang über den Ernst der Lage im unklaren gelassen. Weder Generalstabschef von Moltke noch Falkenhayn hielten einen Krieg für wahrscheinlich; es würde wohl auch diese Balkankrise so enden wie die vorherigen.

Afflerbach hat die Verantwortlichkeiten neu geordnet: Moltke hatte durch seine ständigen Warnungen vor einem für 1916 erwarteten Angriff der dann drückend überlegenen Ententemächte Bethmann Hollweg dazu gebracht, seine "Weltpolitik ohne Krieg" aufzugeben. In der Julikrise hat der Reichskanzler den großen Krieg bewußt riskiert, als er die Balkankrise benutzte, um die Entente, also den "Einkreisungsring" um Deutschland, zu sprengen. Falkenhayn ist es, der Ende Juli die Dinge beschleunigt, indem er militärische Sachzwänge fördert oder selber schafft, weil er mit Recht befürchtet, der im Grunde friedliebende Kaiser könnte wieder "schlappmachen" und der hin- und herschwankende Moltke vor dem Kriegsentschluß zurückschrecken.

Während Bethmann Hollweg der Krieg "schwerste Pflicht" war und Moltke den "furchtbaren Krieg" beklagte, der die europäische Kultur für Jahrzehnte vernichten werde, empfand Falkenhayn neben der Notwendigkeit auch die Freude am bevorstehenden Feldzug. Seit der Ersten Marokkokrise 1905/06 hatte er den Krieg herbeigesehnt und zeitweilig sogar den Kaiser verachtet, weil er letztlich in allen Krisen den Frieden vorgezogen hatte. Afflerbach: "Die Lust zum Kriege trug bei ihm schon dandyhafte Züge." Falkenhayn ging es nicht allein um Deutschlands Macht, sondern ihn trieben Langeweile, Ehrgeiz, Überdruß am eintönigen Kasernenleben.

Im Rausch der Augusttage ließ sich Falkenhayn zu dem zynisch-leichtfertigen Satz hinreißen: "Wenn wir auch darüber zugrundegehen, schön war’s doch." Hinter dieser Lust am Untergang steckt indes eine realistische Lagebeurteilung, die sich von der allgemeinen Hoffnung auf einen kurzen Krieg ("bis die Blätter fallen") deutlich abhebt. Zwar rechnete auch er mit einem raschen Sieg über Frankreich, aber da waren auch noch Rußland und England zu bezwingen. Einem amerikanischen Diplomaten sagte er, der Krieg würde wahrscheinlich drei bis vier Jahre dauern.

Als in der Marneschlacht der Schlieffenplan scheiterte, also Frankreich nicht nach sechs Wochen besiegt war, und Moltke darob einen Nervenzusammenbruch bekam, schlug Falkenhayns große Stunde: Am 14. September 1914 ernannte der Kaiser ihn zum neuen Generalstabschef. Zwei Jahre lang – bis zu seinem Sturz im August 1916 – führt er den Dreifrontenkrieg; mit seinem Namen verbindet sich für immer die Erinnerung an das sinnlose Gemetzel bei Langemarck und an die von ihm inszenierte Massenschlächterei bei Verdun.