Von Ulrich Greiner

Der Schriftsteller Peter Schneider hat sich kürzlich im Spiegel über das erbärmliche Niveau der politischen und intellektuellen Debatte in Deutschland beklagt. Wer den Streit über Botho Strauß, seit seinem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ im vergangenen Jahr und anläßlich seines eben erschienenen Buches „Wohnen Dämmern Lügen“, genauer betrachtet, wird ihm recht geben müssen.

Der neue Prosa-Band von Botho Strauß ist in der ZEIT (von Iris Radisch am 12.8.), in der FAZ (von Gustav Seibt am 20.8.) und in der Frankfurter Rundschau (von Thomas Assheuer am 27.8.) kalt und naserümpfend abserviert worden wie ein ranziges Stück Käse. Den wollte dann auch im „Literarischen Quartett“ keiner mehr anrühren, was aber in diesem Zusammenhang unerheblich ist, da dieses Trio banale erklärtermaßen mit Literaturkritik nichts am Hut hat.

Die genannten Botho-Strauß-Verächter sind natürlich zu intelligent, um ihre Kritik nicht in der Gestalt des ausgefuchsten Arguments auftreten zu lassen. Noch immer hat das Argument eine Aura, deren man sich gerne bedient, wenn man Ressentiments loswerden will. Die aber schlagen durch die Scheinargumente hindurch wie der Wasserfleck durch die Tünche. Auffällig nämlich ist die aggressiv triumphierende Tonlage der Strauß-Verrisse.

Der Prosa-Band „Wohnen Dämmern Lügen“ läßt die Dutzendware dessen, was Jahr um Jahr als deutsche Gegenwartsliteratur firmiert und bei mittleren Kritikern mittleres Wohlwollen erntet, um Klassen hinter sich. Ob Strauß „der Philosoph der alten Bundesrepublik“ war, ob er „als der bedeutendste Schriftsteller der Republik“ gilt, wie die Rezensenten wissen wollen, sei dahingestellt. Rang und Zugriff dieser Prosa sind in jedem Fall ungewöhnlich, unabhängig davon, ob jeder ihrer Sätze gelungen ist; und Botho Strauß ist diskussionswürdig, unabhängig davon, ob man ihm zustimmen mag.

Nichts aber von Diskussion. Statt dessen quillt die Herabsetzungsmetaphorik über den Rand der Rezensionen. Geben wir eine kleine Blütenlese: Strauß sei die „Prätentionspotenz“ und „der eifernde Mythomane“; „ein Denker, dessen Gedanken eher aus Lektüren genährte Affekte zu nennen sind“; „ein so unsicherer Stilist, daß er kaum eine Seite zustande bringt, aus der man nicht eine Peinlichkeit, einen Stilbruch, eine Stilblüte zitieren könnte“. Seine Prosa, so heißt es, sei „eine Mischung aus Plattköpfig- und Heiligkeit“, sie zeuge von „penetrantem Dünkel“ und von „verquerem Kunstwollen“, in ihr finde man nichts als „schulmeisterliches Gedröhn“ und „totgeborene Konstrukte“.

Genug. So schlecht kann einer gar nicht schreiben, daß er sich all diese Injurien redlich verdient hätte. Das ist ja schon fast wieder gut, wenn einer die Formulierungsmaschine der Kritiker derart anheizt. So hochtourig lief sie selten. Das sind ja immer die schönsten Augenblicke, wenn endlich die Visiere und die Hosen fallen und die literarische Debatte unterm Tresen verläuft. Streit muß sein, und sei es auf Augenhöhe knapp über den Dielen. Es fragt sich nur, wer da mit wem abrechnet und wie.