Von Fritz J. Raddatz

Ein Talent meldet sich zu Worte. Joachim Helfers Roman "Du Idiot" ist ein bemerkenswertes Debüt, eine ernst zu nehmende literarische Arbeit – dabei stilistisch wagemutig bis zur Unverschämtheit.

Nach lange zurückliegenden Kindheitsausbrüchen und Familienattacken, etwa Hubert Fichtes "Waisenhaus" oder Gisela Eisners "Die Riesenzwerge" liegt nun der Roman über eine westdeutsche Kindheit und Jugend in den siebziger/achtziger Jahren vor, deren Spielflächen durch kälter gemalte Kulissen abgezirkelt werden: Gewerbemischgebiet, Erlebnisbadeanstalt, Traglufthalle oder zulassungsbeschränktes Studium sind nun "prosafähig" als Wortzaun.

Helfer jongliert damit geschickt; indem er uns nämlich nicht die Klage über Fußgängerzonen und Betonblumenkübel im Ton der Stadtteilzeitungen vorsingt, sondern derlei als Signale der modernen Alltäglichkeit aufstellt – gleichsam mit einem Schulterzucken. Dieses Distanzverfahren hat er sich mit einem glänzenden Einfall erarbeitet, den er stilistisch konsequent durchhält: Die Hauptfigur Florian – der unlustige Schüler hat ein unlustiges Vorabitursverhältnis mit seiner Lehrerin, probiert seine erwachende Homosexualität aus, ähnlich den Rollen, mit denen er vor Mutter und Geschwistern posiert – entwickelt sich (und die Romanhandlung) im Zwiegespräch mit einem imaginierten Spiegelbild; Du Idiot.

Diese Zuruf-Position macht den Protagonisten fast automatisch zum Nichthelden, denn jede Handlung, Szene, Reflexion wird ja in einer "Als ob"-Position vorgeführt, ob Demo oder Bahnhofsstrich. Das ist nicht nur eine gelungene "Verlängerung" der Mutmaß-Technik Uwe Johnsons, das ist auch eine literarisch fruchtbar gemachte Bild-Dramaturgie: Das Erzählte ist so beliebig-fragwürdig, gar austauschbar wie Fernsehbilder, die ja Abbild und eigenes Bild zugleich sind; dabei wohlweislich produziertes Produkt, gestellt, geschminkt, inszeniert noch in der Reportage. Zapping als Prosastil. Der nun – und das ist so gewagt wie gekonnt – sich jeglicher Hast widersetzt, vielmehr in geradezu kulinarischen Satzschwingungen schwelgt.

Damit gelingt es dem dreißigjährigen Joachim Helfer, die Erlebnislosigkeit wie Erlebnisunfähigkeit einer Generation ins Bild zu bringen – das er zugleich als Bild vorstellt, also als das Künstliche: "... erkennst du dich selber, Florian, in einer früheren Phase, die du so lange noch nicht überwunden hast: Ein räudiger Rüde in seinem Revier. Und ein verzweifelt verspielter Dichter, der in den Fassaden die ihn umgaben, Gesichter sah, niedliche rauhputzige Fratzen deutscher Eigenheime, in denen Geschichten von fataler Peinlichkeit geschrieben standen; die zu lesen ihn so traurig stimmte, gerade weil es ihm lächerlich erschien. (Das war ja das Elend: als geborener Dichter nicht ins Elend hineingeboren zu sein, nicht in Krieg, Katastrophe, noch Tyrannei, sondern in eine Neubausiedlung im Vortaunusland, auf jenem Haarriß in der Erdkruste gelegen, der nicht einmal für das allerschwächste Beben gut war, dafür aber die heißen Quellen einer Reihe reicher Heilbäder zum Sprudeln brachte, die als Zuchtperlenschnur um Frankfurts harten Hals hingen, irgendwo zwischen Bad Homburg und Bad Soden, im Nirgendwo also, im Kunstseidenknoten, wo echtes Blut richtiger Menschen, Hunger, Folter, Völkermord nurmehr aus dem Farbfernseher tropfte; daß du in unanfechtbar menschenwürdigen Verhältnissen vegetieren mußtest, höchstens noch durch eine Explosion des fernen Vogelbergs zu erschüttern, der seit Jahrmillionen schon erloschen war, so sicher, sauber, satt, daß dir dein Daran-Leiden doch im Ernst nicht abzunehmen war: Daran litt er ja eben...)"

Diese genau kalkulierte Widerläufigkeit des raschen Wechsels langsam ausgemalter Bilder gibt dem Roman ein eigenes Tempo, die durchaus an die langsame Präzision der sorgfältig ausgeleuchteten Fingernägel von Robert-Wilson-Inszenierungen erinnert. Seltsamerweise wie dort die Gefahr nicht vermeidend, in den Kitsch der Deutlichkeit umzukippen – etwa in der banal-schmierigen Szene, in der Florian und sein – begehrter? – Schulfreund Thomas den obligat-halbseidenen Vertreter peitschen; das ist dann von so eingekremtem Realismus wie schwule Pornohefte.