BAD KISSINGEN. – „Ich hab’ erst gedacht, das ist ein Witz, als mir von den Protesten erzählt worden ist“, sagt Brigadegeneral Dirk Böcker. Niemand im Luftwaffenamt habe geglaubt, daß die über Nordbayern geplanten Tiefflugkorridore für so viel Aufregung sorgen könnten.

Militärs denken anders, denken in Allianzen und Sachzwängen, und dabei zählt der einzelne Mensch weniger als das Ganze. Deshalb waren die Verantwortlichen im Bundesverteidigungsministerium auch überhaupt nicht auf die Idee gekommen, die betroffenen Menschen zu informieren, bevor sie in Nordbayern zwei Tiefflugkorridore für Nachtflug festlegten. Die sollen ab Januar 1995 die Oberpfalz sowie Ober- und Unterfranken mit Thüringen und den übrigen ostdeutschen Bundesländern verbinden. Dort ist seit dem Abzug der russischen Truppen für die Bundeswehr Fliegen erlaubt, und deshalb soll die vorhandene Tiefflugstrecke von 3000 auf 4000 Kilometer verlängert werden.

Das Bundesverteidigungsministerium legte die beiden Korridore fest, Alternativen gab es keine. Dann durfte der Freistaat dazu Stellung nehmen, die betroffenen Landkreise und Gemeinden jedoch erfuhren nichts. Etwa acht Monate blieb die Sache geheim, ebenso, daß die Bayerische Staatsregierung den Plänen längst zugestimmt hat. Auch sie sah keinen Grund, die Menschen in der Region darüber zu informieren, daß ab 1. Januar 1995 wöchentlich vier bis zwanzig Düsenjäger in der Nacht über sie hinwegdonnern dürfen.

Doch Ende September wird in Bayern der Landtag und im Oktober der Bundestag neu gewählt, und so kam das Thema doch noch auf. Renate Schmidt, die Spitzenkandidatin der SPD im bayerischen Landtagswahlkampf, wirft Ministerpräsident Edmund Stoiber vor, er habe seine Information „über die geplante Ausweitung des Tiefflugterrors aus rein wahltaktischen Gründen hinter dem Berg gehalten“. Herbert Huber, der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, tut die Kritik als „üble Heuchelei“ und „Panikmache“ ab.

Dennoch machte sich hektische Betriebsamkeit in der Staatskanzlei breit. Auf ihr Drängen lud das Bonner Verteidigungsministerium die Landräte und Oberbürgermeister sowie die Landtagsabgeordneten aus den Gebieten kurzfristig nach Bayreuth ein. Dort versuchten Staatssekretär Peter Wichert und hochrangige Vertreter der Luftwaffe die erhitzten Gemüter zu besänftigen. Alles sei nur halb so schlimm, die Düsenjäger würden ja nur im Unterschallbereich mit maximal 780 Kilometer pro Stunde fliegen, und zwar in mindestens 300 Meter Höhe. „Ich will das nicht verharmlosen“, sagte Wichert: „Ein Flugzeug macht Lärm, wenn es über einen hinwegfliegt.“ Doch der Tornado würde dabei nur wenige Sekunden lediglich mit 94 Dezibel zu hören sein. „Dies entspricht etwa dem Geräusch, das ein vorbeifahrender schwerer Lastzug erzeugt.“

Die Menschen jedoch waren aufgeschreckt, und ihre Bürgermeister gaben keine Ruhe mehr. Also drängte die Staatskanzlei auf weitere Informationsveranstaltungen – einmal in Sulzbach-Rosenberg und einmal in Bad Kissingen. Diesmal durften Landräte, Bürgermeister und Kreisräte teilnehmen, und Wichert betete dieselben Zahlen und Statistiken herunter, rechnete vor, daß die Zahl der Flugzeuge von 2243 im Jahr 1990 auf 751 im Jahr 1995 reduziert werde und daß die auch noch tausend Kilometer Tiefflugstrecke mehr hätten. Folglich werde die Belastung der Menschen reduziert.

Doch die Kommunalpolitiker wollten nicht mit Statistiken abgespeist werden, immerhin führt der unterfränkische Korridor über die Staatsbäder Bad Kissingen und Bad Bocklet, und die leben von der Ruhe. Deshalb griff Bad Kissingens Oberbürgermeister Christian Zoll (SPD) einen Vorschlag der Bayerischen Staatsregierung auf, wonach der geplante Korridor um etwa zehn Kilometer gedreht werden sollte. Dann lägen die sensiblen Kurbereiche der beiden Badeorte außerhalb. Nur weiter draußen liegende Stadtteile würden dann überflogen.

Doch das Bundesverteidigungsministerium lehnte ab. Dem Oberbürgermeister erklärte Staatssekretär Wichert, es gebe in Deutschland 3000 Krankenanstalten im ländlichen Bereich, etwa 2200 Heilbäder und staatlich anerkannte Luftkurorte, Tausende von Alten- und Pflegeheimen, zehn Nationalparks, neun Biosphärenreservate, 67 Naturparks, mehr als 6000 Landschafts- und etwa 5000 Naturschutzgebiete. Die könne man nicht alle ausklammern.

Christian Zoll fürchtet um den guten Ruf seiner Stadt: „Bad Kissingen in einem Nachttiefflugkorridor!“ Noch zählt die Kurstadt 1,8 Millionen Übernachtungen im Jahr und ist damit der zweitgrößte Kurort Bayerns, der viertgrößte bundesweit. Die Stadt liegt in der Region Schweinfurt, die die meisten Arbeitslosen in Bayern hat. Da dürfe man doch diesen florierenden Wirtschaftszweig nicht gefährden.

Inzwischen hat sich auch das Rhön-Klinikum in Bad Neustadt zu Wort gemeldet. Das Haus besteht aus einer international bekannten Herz- und Gefäßklinik und aus einer Handchirurgie, die rund um die Uhr am Notfalldienst teilnimmt. „Wir haben Sicherheitsbedenken“, sagt Gerald Meder, der Geschäftsführer der Herzklinik. Bis zu zehn Rettungshubschrauber am Tag fliegen das Klinikum an, manchmal zwei bis drei gleichzeitig. „Gerade beim Dunkelwerden passieren die schwierigsten Unfälle.“ Doch dann steigen auch die Tornados auf, deren Flugkorridor ein bis zwei Kilometer am Klinikum vorbeiführt.

Mittlerweile entstehen in ganz Bayern parteiübergreifende Bürgerinitiativen gegen den Tiefflug – auch im Landkreis Bad Kissingen, den Volker Rühe jetzt auf Wahlkampftour besucht. Dort galt der Bundesverteidigungsminister nach dem Abzug der US-Army als Freund, weil er trotz des Truppenabbaus zwei Übungsplätze und dadurch Arbeitsplätze erhielt. Doch das war, bevor seine Tiefflugpläne bekannt wurden.

Werner Herbst