Von Joachim Fritz-Vannahme

Die Katze kuschelt in ihrem Arm und bleibt Stunde für Stunde stumm. Katzenliebe gehöre zum Glauben, lehrte einst Mohammed, der Prophet des Islam. Für die wahre Katzenliebe fehlt Annemarie Schimmel selbst mit 72 Jahren einfach die Seßhaftigkeit. Eben noch in London, zwischendurch in Bonn, morgen schon wieder auf Vortrag in Lahore oder Delhi – ständig unterwegs, zu "Bergen, Wüsten, Heiligtümern", wie der Titel ihres neuen, persönlichsten Buches lautet. Sie bleibt getrieben von Wissensdurst und Arbeitseifer, die sie schon in ihrer Kindheit befielen.

Zum Ausgleich ist die Bonner Wohnung der Orientalistin bevölkert von Stoffkatzen, Tonkatzen, Katzenbildern. Vom Fußabtreter bis zur Wandvitrine – überall Objekte einer platonischen Liebe. Annemarie Schimmel schrieb in ihrer kleinen Studie über "Die orientalische Katze", dieses Tier gleite durch "Märchen und Gedichte, sie läßt sich in Schlössern und Sufiklöstern nieder, sie erscheint auf Miniaturen, wird naturwissenschaftlich analysiert und in der Zauberpraxis verwandelt, kurz, sie ist immer aufs neue geheimnisvoll, menschlich, übermenschlich und faszinierend".

"Wer um sich herum sorgfältig beobachtet, findet von jedem kleinen Zeichen einen Weg zu Gott", sagt sie, die große Interpretin der islamischen Mystik. "Im Koran heißt es: Gott will den Menschen seine Zeichen zeigen in den Horizonten, also in der geschaffenen Welt – und in ihnen selbst. Ein Mystiker wie mein geliebter Poet Rumi baut gerade auf solchen Gedanken auf. Für ihn wird alles, angefangen vom kleinsten Schmetterling, zum Zeichen Gottes. Schade, daß das in unserer westlichen Welt verlorengeht. Darum fühle ich mich in meiner orientalischen Welt so wohl. Dort hat man noch einen Zugang, und sei es auch unbewußt."

Womit wir wieder bei der Katze wären, die es in ihrer privaten Welt aus wahrer Liebe nicht gibt und die darum im Abbild allgegenwärtig ist. Womit wir aber auch mitten in ihrer Wissenschaft wären: "Deciphering the Signs of God" überschrieb sie ihre "Gifford Lectures", die im nächsten Jahr auch auf Deutsch erscheinen werden. Sie entziffert Gotteszeichen quer durch die großen Religionen aus der Überzeugung heraus, daß nur der phänomenologische Vergleich den Unterschied sichtbar macht und zugleich wahrt, daß der Interpret nur so "der gefährlichen religiösen Vermischung entkommt, die alle Differenzen verwischt".

Bei aller innigen Nähe zum Islam wahrte Annemarie Schimmel ihren eigenen Abstand. Geprägt wurde sie in den vierziger Jahren vom Marburger Religionswissenschaftler Friedrich Heiler. Dieser feierte in jener Zeit die Deutsche Messe in seinem Haus, sie erinnert sich gern daran. Von ihm übernahm sie die phänomenologische Sicht. Religionen bleiben dabei Gegenwelten, ein Reich jenseits des Profanen. Diese Hochschätzung des Heiligen kann, wie Annemarie Schimmels leise und befremdete Kritik an der westlichen Welt verrät, unversehens wie eine Rettungsaktion in letzter Minute anmuten. Eine Ethnologie oder Soziologie der Religionen hingegen, wie sie an deutschen Universitäten vorherrscht, würde so weit niemals gehen, dazu verfährt dieser andere Ansatz entschieden zu weltlich.

Hierzulande blieb die Orientalistin und Religionswissenschaftlerin bis heute die große Fremde. In Harvard lehrte sie jahrzehntelang die indo-muslimische Kultur. Als unlängst Pakistans Ministerpräsidentin Benazir Bhutto auf Staatsbesuch nach Bonn kam, war Annemarie Schimmel unter den Ehrengästen. In der heiligen Stadt Lahore trägt ein großer Boulevard den Namen der Wissenschaftlerin. Dort in Pakistan plaudert sie im Fernsehen über den Islam, seine Dichter und Denker, seine Kunst und seine Sprachen, von denen sie ein halbes Dutzend beherrscht – eine Frau, eine Ausländerin, eine Nichtmuslimin. Jenseits des Atlantiks ist sie eine Koryphäe, im Orient eine Zelebrität – und im eigenen Land außerhalb der Fachkreise leider immer noch zu unbekannt. Manche Ehrung in den vergangenen Jahren – das Große Bundesverdienstkreuz, die Goldene Humboldt-Medaille – wirkte wie späte Wiedergutmachung. Wie kam das?