Charlotte Höhn blieb nur noch die Flucht ins Flugzeug: Fünf Tage vor Ende der Kairo-Konferenz mußte die Demographin ihr Mandat als deutsche Delegierte niederlegen. Seither kämpft sie nicht mehr gegen das Wachstum der Menschheit, jetzt ringt sie um ihren „guten Ruf“ und um ihr Amt als Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden.

Dort hatte sie bereits im April gegenüber zwei vermeintlichen Historikerinnen „Denkverbote“ beklagt. „Mit einer gewissen Bekümmernis“ konstatierte die Professorin die engen Grenzen des politisch Möglichen: „Zum Beispiel, daß man sagt, daß die durchschnittliche Intelligenz der Afrikaner niedriger ist als die anderer. Selbst das Wort Rasse darf man ja nicht mehr in den Mund nehmen.“ Sprach’s dennoch aus und war verblüfft, als sie ihre Worte zu Beginn der Weltbevölkerungskonferenz als Interview in der taz wiederfand.

Erst nach sechs Tagen trüben Schweigens brachte Charlotte Höhn ein Dementi zustande, das doch keines war: „Den statistischen Nachweis von Intelligenzunterschieden bei einzelnen Völkern zu führen“ dürfte eben „im Rahmen wissenschaftlichen Arbeit nicht unstatthaft sein“. Sie selbst aber habe sich „eine solche Position“ nicht „persönlich zu eigen“ gemacht und wolle auch nicht etwa „eine Menschengruppe diskriminieren“. Das alles sei ihr nur „im Rahmen eines Exkurses über Toleranz und Freiheit des Denkens“ so über die Lippen gekommen. Keine Entschuldigung also, nur eine Distanzierung mit viel Nähe zwischen den Zeilen. Als wolle sie sagen: War ja nur wissenschaftlich gemeint, liebe Neger!

Spätestens von dem weisen Karl Popper hat die Wissenschaft gelernt, daß sich in jeder Hypothese – ob naiv, ob widerlich – auch die geronnenen Werturteile des Forschers niederschlagen. Warum also beklagte die blonde Professorin ausgerechnet das Tabu völkisch-genetischer Demographie? Und warum schreckte ihr Dienstherr, der Innenminister, erst auf, als die Proteste und die Rufe nach einer Demission von Frau Höhn lauter und lauter wurden?

Manfred Kanther faselte während seiner Stippvisite in Kairo lieber über den Unterschied zwischen zu wenigen deutschen Kindern und zu vielen schwarzen Babys („Da muß man deutlich trennen!“), als die Direktorin des Bundesinstituts energisch zur Rede zu stellen. Seine Beamten an der Spitze der deutschen Delegation waren mit der Wahrheitsfindung ohnehin überfordert. Als Novizen auf dem glatten Parkett einer UN-Konferenz hatten sie genug mit sich selbst und mit der Suche nach einer einheitlichen Position der Europäischen Union zu tun. Das kostet viel Zeit. Vor allem, wenn gleich drei der wichtigsten deutschen Verhandlungsführer nur äußerst gebrochen Englisch sprechen und obendrein wenig von der Wirklichkeit da draußen in Afrika oder Asien erahnen.

Mangelnde Koordination, Beschlüsse ohne Rücksprache, schlechter Stil – nach neun Tagen wünschte sich so mancher Holländer, Däne oder Brite für die Zukunft lieber weniger als mehr deutsche Verantwortung in der Welt: „Die sind überfordert bis zur Inkompetenz, als kämen sie gerade erst aus den Wäldern.“ Der Skandal um die Demographin aus Wiesbaden wurde da nur noch mitleidig belächelt. So ist es fast schade, daß Charlotte Höhn früher abreisen mußte. Sie hätte – rein wissenschaftlich und frei nach Karl Popper – die Konferenz ja als ersten wissenschaftlichen Test für die Hypothese von „Intelligenzunterschieden bei einzelnen Völkern“ nutzen können. Das Ergebnis wäre bemerkenswert gewesen: Von A bis Z, von Ägypten bis Simbabwe, gaben die Afrikaner in Kairo eine bessere Figur ab als die Deutschen. cw