Von Jakob Juchler

ZÜRICH. – Anna Walentynowicz, die Danziger Werftarbeiterin und legendäre Mitbegründerin der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, meinte kürzlich, man müsse bald wieder Barrikaden bauen. So radikal äußern sich zwar nur wenige, aber Kritik an den postkommunistischen Parteien, die Polen seit ihrem sensationellen Wahlsieg vom 19. September 1993 regieren, ist weit verbleitet. Nur 29 Prozent der Polen blicken zuversichtlich in die Zukunft, vor einem Jahr waren es noch 43 Prozent.

Diese miese Stimmung scheint paradox, wenn man auf die guten Wirtschaftsdaten schaut: Bereits im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt um vier, dieses Jahr sogar um fünf Prozent. Das staatliche Budgetdefizit und die Inflation sind weiter zurückgegangen. Damit haben sich die Befürchtungen nicht bestätigt, daß mit dem Wahlsieg der Linken das Ende des Wirtschaftsaufschwungs eingeläutet wird.

Viele Beobachter führen diesen Erfolg auf eine weitgehende Kontinuität der Wirtschaftspolitik zurück. Die neue Regierung ist nur wenig vom ursprünglichen monetaristischen Kurs abgewichen, den schon die erste Solidarność-Regierung vorgegeben hatte. Auch das im Sommer veröffentlichte Zukunftsprogramm „Strategie für Polen“ betont zwar soziale Aspekte, hält aber daran fest, vorrangig die Inflation und das Haushaltsdefizit zu bekämpfen. Dies ist natürlich Folge der knappen Kassen und der Auflagen der Weltbank sowie des Internationalen Währungsfonds, aber nicht nur. Das Programm spiegelt auch Überzeugungen der „linken“ Koalition aus postkommunistischer SLD und der Bauernpartei PSL wider.

Die Fortsetzung der alten Wirtschaftspolitik bringt Polen im Westen denn auch gute Noten ein, im Land aber sorgt sie für beträchtliche Spannungen. Denn die postkommunistischen Parteien kamen vor allem deshalb an die Macht, weil sie versprochen hatten, eine soziale Wende herbeizuführen. Dieses Versprechen haben sie nicht eingelöst. Deshalb sind die Verlierer des großen Umbruchs, rund zwei Drittel der Bevölkerung – überwiegend Arbeiter und Bauern –, enttäuscht.

Die Arbeitslosigkeit liegt weiterhin bei sechzehn Prozent, die Reallöhne sind kaum gestiegen. Ärzte, Krankenschwestern und Lehrer werden immer noch sehr schlecht bezahlt. In nur acht Monaten ist die Anhängerschaft der Regierung von 61 auf 38 Prozent geschmolzen.

Wird nun – in typisch polnischer Manier – bald wieder eine Bewegung von unten den Postkommunisten Druck machen? Wohl kaum.