Kennen Sie vielleicht ein Mittel gegen Ameisen?" Da ziehen sie, eine verwackelte Linie kleiner schwarzer Punkte: von der steinernen Brüstung runter auf den Balkonboden und wieder hoch aufs Fensterbrett, wo sie unter dem weißen Rahmen mit Ziel Küche verschwinden. Zwei Stockwerke tiefer rollt Nachmittagsverkehr durch das Frankfurter Westend, es ist sommerlich warm, und Horst Krüger interessiert zuallererst sein Kampf gegen die Ameisen. "Erste Augenblicke sind wichtig", hat er wiederholt betont.

Krüger ist erstaunt: "Mich Wrack wollen Sie interviewen?" – ,Ja. Die Engländer haben Chatwin, die Amerikaner Theroux, und wir haben Krüger."

Während das Wasser für einen Tee kocht, beginnt er zu erzählen. Nach Frankfurt sei er gekommen aus Widerspruchsgeist. "Kein Mensch mochte Frankfurt." Er war dienstlich in Frankfurt und ging die Zeil entlang. Da sah er im Parterre eines Neubaus ein Maklerbüro, das Appartements im selben Haus anbot. Warum nicht, dachte er. Er nahm ein Appartement, kündigte bald darauf die Stellung beim Rundfunk in Baden-Baden, wo er fünfzehn Jahre gewesen war, "und mußte nun sehen, wie ich mich durchschlug".

So begann er 1964 mit 45 Jahren seine zweite Karriere. Horst Krüger wurde nicht nur der wichtigste, sondern in gewisser Weise sogar der einzige deutschsprachige Reiseschriftsteller von Rang nach dem Krieg. Böll und Andersch und Koeppen oder Fries und Schneider haben zwar auch Reiseberichte und Länderhommagen verfaßt. Aber nur Horst Krüger hat so ausschließlich das Reisen als Erfahrungsmedium und Schreibgegenstand gewählt. "Hunger auf Welt" und das Gefühl, immer "noch nicht fertig zu sein mit mir", haben ihm aus Baden-Baden herausgeholfen, dieser "Mischung aus Montreux und Lahr-Dinglingen", wie er schrieb: "eine Stadt – zum Sterben schön". Da wollte er weg. Er hatte eine Lungengeschichte mit zwei Monaten Sanatorium hinter sich und eine Menge "Lust am Leben". "Lust am Leben" überschrieb er sein bisher letztes Buch. Am 17. September wird Horst Krüger 75.

"Reiseschriftsteller, das ist einer, der in fremde Länder fährt und denen, die zu Hause geblieben sind, beschreibt, wie es bei den fremden Völkern aussieht?" So habe er sich nie verstanden. Und für sich den Begriff eingeführt: Schriftsteller auf Reisen. "Da reist einer mit seinem ganzen Gepäck und seiner ganzen Geschichte und seiner ganzen Existenz und ist außerdem noch unterwegs." Wir sind vom Balkon in den Wohnraum umgezogen. Dunkel ist es in dem großen Altbauzimmer mit der Schiebetür und ein wenig orientalisch, überall Sitzgelegenheiten und Aschenbecher, Bücher an den Wänden und in kleinen Stapeln auf dem Fensterbrett, eine wohlgeordnete Höhle zum Träumen, Tee und Whisky in Reichweite, die Welt außen. Dem Phänomen Krüger ist nicht leicht beizukommen. Da sitzt er, bequem in den Hausmantel gehüllt, am Zigarillo saugend, ein massiger Mann, schlürft den Tee wie ein Araber. Kein wettergegerbter Globetrotter, sondern einer, der sich in ziemlich allen Schattierungen erfahren hat und über sich Sätze schrieb, denen man nicht so leicht antwortet, wenn sie einem ins Gesicht gesagt werden: "Ich konnte nie fröhlich und frei der Welt die Hand reichen." Oder: "Das Buch über mich, das ich nie geschrieben habe, wäre ein Aufschrei tiefster Verzweiflung." Und aus einem Nachruf auf sich selbst: "Obwohl äußerlich von jovialer, ja betonter Bürgerlichkeit, war er im Tiefsten – ein Wort, das er nie verwendet hätte, er haßte die deutsche Tiefe – von einer Aggressivität, die etwas Selbstzerstörerisches hatte."

Selbsterkenntnis, Selbstmitleid? Jedenfalls blieben sie im Koffer, wenn er schrieb, bildeten den inneren Schwerpunkt des Melancholikers auf Reisen. "Ich spalte mich gleichsam", beschrieb er die ersten Schritte an einem neuen Ort, "in einen Journalisten und ein Kind. Ich bin jetzt der Beobachter, der Forscher, der Stratege, der seine Region einkreist, belagert, reif machen will zum Sturmangriff." Die Melancholien und Depressionen sind gewichen, jetzt wird berichtet.

Und das heißt bei Krüger: schmecken, riechen, sehen. In einem seiner kleinen Feuilletons hat er beschrieben, wie das Reisen ihn im "Sommer des Lebens" sinnlich machte, wie sich seine Wahrnehmungsorgane verfeinerten zu Reiseorganen. Wer wissen will, wie San Francisco aussieht, wie es schwingt, der muß Krügers "Beschreibung einer Faszination" lesen. Man denkt, so anschaulich konnte einer nur schreiben, als es das Fernsehen noch nicht gab, und stellt beim Nachschlagen fest, daß es sich um einen Filmtext handelt. Krüger hat keine dicken Reiseschmöker geschrieben. Seine in Buchform gesammelten Essays und Reportagen entstanden meist als Berichte für den Funk, sind selten länger als vierzig Seiten. Nicht nur ihrer Anschaulichkeit, Sinnlichkeit und rigorosen Subjektivität wegen sind sie Raritäten. Sie verdanken sich einer Rundfunkkultur, die es sich leistete, einem Autor 6000 Mark in die Hand zu drücken mit der Orden "Fahren Sie mal vier Wochen nach Kalkutta, und sehen Sie zu." So entstanden Bücher, deren Titel bereits etwas anderes als Testberichte von Sandstränden versprechen: "Poetische Erdkunde", "Deutsche Stadtpläne", "Ostwest-Passagen".