Filmkritiker sind unsympathische Menschen. Unablässig nörgeln sie an dem herum, was zugleich der einzige Grund ihres Daseins ist, am Kino, das sie ausbrütet und ernährt. Es gibt keinen Glücksmoment, keinen Augenblick der Rührung und des Verstehens, den sie nicht zerreden, keinen originellen Einfall, den sie nicht bekritteln müssen. Wenn sie älter werden und merken, daß das Kino nicht mit ihnen altern will, lassen sie ihre Enttäuschung an den jungen Filmen und den jüngeren Kritikern aus. Sie versteinern und vergreisen, die Liebhaberei ihrer Anfänge verkehrt sich in Haß auf das Publikum, die Filme, sich selbst. An der Kathedrale des Kinos sind sie die Wasserspeier, die Chimären, die den Gläubigen Furcht und Schrecken einjagen, wenn sie zur Messe gehen.

Wolf Donner war keiner von ihnen. An vielen der Nachrufe, die in den Tagen seit seinem Tod erschienen sind, kann man ablesen, daß „die Szene“, jedenfalls ihr älterer Teil, ihn nicht mochte, daß sie ihn nicht zu den Ihren zählte, zu jenen Kollegen, mit denen man sich beizeiten verbrüdert und versöhnt. Dabei war er ohne Zweifel der wichtigste Kinojournalist in Deutschland, der einzige, der die Filme und ihre Regisseure ebenso gut kannte wie die Firmen, die Gremien, die Mechanismen und Gesetze, die hinter ihnen stehen. Fast alles, was wir über die deutsche Filmpolitik, die Strukturen der europäischen Filmförderung, den Machtkampf der internationalen Medienkonzerne und den Streit um das Gatt-Abkommen wissen, haben wir von ihm gelernt.

Aber Wolf Donner war für uns Jüngere mehr als nur eine Informationsquelle, ein Bekannter, ein Lehrer oder sogar ein Freund: Er war ein Vorbild. Jener gelangweilte Überdruß am Kino, der besonders auf den Filmfestivals grassiert, war ihm genauso fremd wie die Eitelkeit des Großkritikers, der beim Tanz ums eigene Ich den Anlaß seines Schreibens aus den Augen verliert. „Unersättliche Neugier auf andere und anderes“, so hat er einmal die Grundtugend eines Journalisten beschrieben, und diese Neugier verließ ihn nie. Es gab kein Ereignis, keine Nachricht, keine kulturelle Erscheinung, die ihn nicht interessierte, und zugleich keine Erkenntnis, die er nicht mit anderen zu teilen versuchte. Und doch war er der aufmerksamste Zuhörer, den man sich vorstellen kann. Er besaß eine Großzügigkeit, die unter Kritikern schon immer selten war, und eine Güte, die man auch unter den meisten anderen Menschen vergeblich sucht.

Wolf Donner wurde am 29. April 1939 in Wien geboren und wuchs in Hannover auf. Noch als Doktorand kam er in die Redaktion des ARD-Kulturmagazins „Titel, Thesen, Temperamente“. Anschließend war er sieben Jahre lang Filmredakteur der ZEIT. Er schrieb einen unpathetischen Reportagestil, der heute ebenso fremd wie aufregend wirkt. Weil er weniger Zeit darauf verwandte, kostbare Formulierungen zu drechseln, sah er manches früher und klarer als andere. Schon 1975 warnte er vor der Gefahr, daß die internationale Begeisterung über deutsche Autorenfilme sich als „kurzfristige Mode“ entpuppen könnte. Acht Jahre später war die Mode vorbei.

1976 wurde Donner zum Leiter der Berliner Filmfestspiele berufen. Das große Ansehen, das die Berlinale noch heute genießt, verdankt sie hauptsächlich seiner Entscheidung, den Festivaltermin vom Juni in den Februar zu verlegen und den Wettbewerb für Filme aus Asien und Osteuropa zu öffnen. Drei Jahre später gab er seinen Posten auf, weil er wieder schreiben wollte. Ein Jahr lang arbeitete er beim Spiegel, dann ging er zurück nach Berlin. Das Stadtmagazin Tip, in dem er seine Festivalberichte, Filmessays und Reportage-Serien veröffentlichte, ließ ihm jene Freiheit in der Auswahl seiner Gegenstände, die ihm wichtiger war als der Autorenruhm. Durch seine Artikel im Tip und seine zahllosen Verbindungen zu Produzenten; Regisseuren und Kulturfunktionären hat er die deutsche Filmpolitik der letzten fünfzehn Jahre mitbestimmt, leider immer nur aus der Opposition. Mit seinem Tod endet auch ein Stück Hoffnung auf eine Wende in der Kinomisere dieses Landes. Den Rang, den sich Wolf Donner erkämpft und erschrieben hat, wird nach ihm niemand mehr einnehmen können.

Wolf Donner ist an einer Lungenkrankheit gestorben, die heutzutage nur noch in seltenen Fällen tödlich ist. Er hat sie jahrelang mit sich herumgetragen, sie geringgeschätzt, betäubt, heruntergespielt. Nichts konnte ihn davon abhalten, zu den Filmfestivals zu fahren, diesen letzten Begegnungsstätten des Weltkinos, die er so sehr liebte. Auf der Croisette in Cannes oder am Lungomare von Venedig konnte man ihn schon von weitem an seinem Gang erkennen, so beschwingt lief er von einem Film zum nächsten. Für dieses Jahr hatte er noch Venedig, Toronto, Krakau, New York und Hof eingeplant. Erst im Krankenhaus entschloß er sich, fürs erste auf die Festivals zu verzichten. Da war es bereits zu spät.

Als wir letzte Woche in Venedig erfuhren, daß er nicht mehr lebt, gab es Tränen, ratlose Gesichter, verlegene Gesten und einen Rundbrief des internationalen Filmkritikerverbands. Danach nahm das Festival wieder seinen gewohnten Lauf. Aber etwas fehlte. Ein Wort, eine Begegnung, eines jener Gespräche, bei denen es nicht bloß um Meinungen und Termine, sondern ums Ganze gegangen war; sein Blick, seine Stimme, seine Begeisterung, die uns immer wieder aus unserer Lethargie gerissen hatte, aus der Versteinerung, die allen droht, welche das Kino nicht so bedingungslos lieben, wie er es tat. Da begriffen wir, daß die Zeit mit ihm unsere wichtigste gewesen war.

Am Dienstag, dem 6. September 1994, ist Wolf Donner in einem Berliner Krankenhaus gestorben. Er wurde 55 Jahre alt. Andreas Kilb