Von Fritz J. Raddatz

Sie war eine frigide Frau – und hatte ein Verhältnis mit ihrem Schwager, mit ihrem homosexuellen Kollegen Lytton Strachey und ihrer lesbischen Kollegin Sackville-West, als sie schon glücklich verheiratet war. Sie war scheu bis zur Verschlossenheit – und der Mittelpunkt jenes frivolen Kreises, der unter dem Namen Bloomsbury Synonym wurde für Londoner Klatsch-, Sex- und Society-Geschichten der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Sie verabscheute den Journalismus – und war als Rezensentin und Essayistin in den renommiertesten englischen Zeitschriften hervorgetreten, als 1915 ihr erster Roman erschien, vor dessen kritischer Aufnahme sie zwei Jahre lang in eine Krise voller Depressionen, Wahnvorstellungen und Essensverweigerung bis hin zum Selbstmordversuch geflüchtet war. Sie war Repräsentantin jener gebildeten englischen Mittelschicht, deren auf Renten basierende, von Dienstboten behütete, in Rosengärten dahindümpelnde Existenz sich zwischen Club, Mittelmeer-Reise und Petit point abspielte – und sie war die wohl genialste Chronistin dieser im Ennui versinkenden, untergehenden Gesellschaft: Virginia Woolf, eine der Großen der europäischen Moderne, die den Tod einmal "das einzige Erlebnis, das ich nicht beschreiben werde" genannt hatte; am 28. März 1941 legte sie einen Brief auf den Kaminsims, ging über die Wiesen hinter ihrem Haus zum Fluß, legte ihren Stock ans Ufer, stopfte einen schweren Stein in ihre Manteltasche und ertränkte sich in der Ouse. Der Abschiedsbrief galt ihrem Mann Leonard:

"Liebster, ich spüre genau, daß ich wieder wahnsinnig werde. Ich glaube, daß wir eine solche schreckliche Zeit nicht noch einmal durchmachen können. Und diesmal werde ich nicht wieder gesund werden. Ich höre Stimmen, und ich kann mich nicht konzentrieren. Darum tue ich, was mir in dieser Situation das Beste scheint. Du hast mir das größtmögliche Glück geschenkt. Du bist mir alles gewesen, was einem einer sein kann. Ich glaube nicht, daß zwei Menschen haben glücklicher sein können – bis die schreckliche Krankheit kam. Ich kann nicht länger dagegen ankämpfen. Ich weiß, daß ich Dir Dein Leben ruiniere. ... Was ich sagen möchte, ist, daß ich alles Glück meines Lebens Dir verdanke Alles, außer der Gewißheit Deiner Güte, hat mich verlassen."

Virginia Woolf hatte mit 59 Jahren ihre Fackel gelöscht. Es war ein Leben in äußerlich behaglicher Normalität gewesen, und sie hatte ihr Werk den schreiendsten Dissonanzen abgetrotzt. Es war eine Suche nach dem verlorenen Raum. Wenn Virginia Woolf später in ihren Tagebüchern – sie erinnern in ihrer Akkuratesse der Banalität an Thomas Manns "Pudel-geschoren-zur-Pediküregegangen"-Akribie – Abläufe des Normalen fixiert, so hat das etwas Beschwörendes, einen Ersatz-Charakter, das Normale als Hilfskonstruktion: "Ein richtiger Festtag muß einen Besuch bei einem Antiquar enthalten. (Ich kaufte die Biographie von Oberst Hutchinson); Süßigkeiten (wir fanden Unmengen von Pralinen); Lunch bei Mutton; die Musikkapelle am Pier; einige groteske menschliche Gestalten; Tee bei Booth; Rosinenbrötchen bei Cowley."

Gewiß, die Tagebücher enthalten köstliche Sottisen: "Würden die Briten offen über WCs & Beischlaf sprechen, dann könnten sie sich auch von allgemeineren Gefühlen ergreifen lassen", auch gelegentliche Entgleisungen wie der Ausruf "Sie sollten wirklich getötet werden" angesichts von Krüppeln. Aber die Grundgebärde ist die des Architekten, der sich ein bewohnbares, behütendes Haus baut: "Wir tranken Tee im Nähzimmer – spazierten auf & ab, Napfkuchen kauend, während Mabel in einer Ecke Futter einnähte & Roger auf seinem Knie Briefe schrieb. Obendrein kam noch Nessa & und wir gingen, wobei ich mir unterwegs einen aprikosenfarbenen Mantel kaufte."

Darunter liegt ein Lebenszittern. Die Fama nämlich von Kindheit und Jugend in der intakten Viktorianischen Familie will einer Überprüfung nicht standhalten. Hinter der wohlverkleideten Fassade von Virginia Woolfs gutsituiertem viktorianischen Elternhaus klafften tiefe Risse. Vater Leslie, als Literaturkritiker und Herausgeber des renommierten "Dictionary of National Biography" ein so geachteter wie blendend situierter Mann, hatte eine erste Ehe mit der jüngeren Tochter von Thackeray hinter sich; als sie starb, war er 43 Jahre alt. Auch die Mutter Julia – deren Schönheit Burne-Jones so bezauberte, daß er sie zu seinem Modell machte – war Witwe, als sie Leslie Stephen heiratete. Zusammen brachten sie vier Kinder in die Ehe, von denen eines, Leslies Tochter Laura, geisteskrank war. 1879 kam bereits das erste Kind der neu geschlossenen Ehe zur Welt, Virginias ältere Schwester Vanessa, 1880 ein Sohn Thoby und achtzehn Monate später, am 25. Januar 1882, wurde Adeline Virginia in dem noblen Haus Hyde Park Gate 22 geboren, nach dem später die Neunjährige ihre erste literarische Hervorbringung die "Hyde Park Gate News" nannte.

Das war bereits der erste Rückzug ins Reich der Phantasie aus einer Familienwirklichkeit, die aus acht Kindern, sieben Dienstboten, einem je nach Uhrzeit strengen, gerechten oder liebevollen Vater und einer überanstrengten, oft kränkelnden Mutter bestand. Während Virginia Woolf später meinte, sie und ihr jüngerer Bruder Adrian seien bereits im Mutterleib von den gewichtigen Bänden des "Dictionary of National Biography" erdrückt und zerquetscht worden, hat sie ihrer Mutter – als sie 1895 starb, sagte Virginia "Ihr Tod war das schlimmste Unglück, das passieren konnte" – in dem Roman "Zum Leuchtturm" ein bleibendes Denkmal gesetzt. Virginia Woolf hat sich einerseits nie gescheut, autobiographische wie biographische Elemente bis zur Portrait-Ähnlichkeit der Figuren in ihren Büchern zu verwenden; sie hat andererseits gern "geflunkert" – ob als Kind, wo sie im Kinderschlafzimmer des obersten Stockwerks, nachdem die Lichter gelöscht waren, im Schein des niederbrennenden Kaminfeuers Abend für Abend fortgesponnene Geschichten erzählte, oder als Erwachsene, deren oft boshafter Phantasie sich viele in ihrer Umgebung zu erwehren suchten.