Von Klaus Garber

Jetzt steht in Berlin wieder die größte Bibliothek des vereinigten Deutschland. Wie aber wird diese reichste und bedeutendste Bibliothek auf deutschem Boden sich präsentieren? Die Rede ist von der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, wie sie seit 1992 heißt. Erstmals seit fast fünfzig Jahren ist sie wieder eine Bibliothek, zusammengefügt aus der Deutschen Staatsbibliothek im alten angestammten Haus Unter den Linden und der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz im Scharounschen Bau am Kulturforum des Potsdamer Platzes. Ein gewaltiges Erbe bringen beide Teile in die neue Schöpfung ein. Fast vier Millionen Bände, fast 350 000 Musikdrucke, mehr als 70 000 Handschriften, mehr als 1000 Inkunabeln aus der frühesten Buchdruckzeit des 15. Jahrhunderts der östliche Partner; fast viereinhalb Millionen Bände, 65 000 Handschriften, fast 240 000 Musikdrucke, über 3000 Inkunabeln der westliche, dazu Karten, Portraits, Tonträger, Mikrofilme, Zeitschriften – ein phantastischer Schatz, so reich auf seine Weise wie die Gemälde, Skulpturen, Antiken in den Museen beiderseits der ehemaligen Stadtgrenzen.

Die Bücher im Westen beherbergt einer der kühnsten und einfallsreichsten Bibliotheksbauten des 20. Jahrhunderts – Scharouns "Bibliotheksschiff". Die Bücher im Haus Unter den Linden stehen in einem der letzten repräsentativen Bauten des Kaiserreichs, dem 1914 bezogenen neobarocken Sandstein-Monumentalbau von Ihnes neben der Humboldt-Universität. Das Haus wurde im Kriege getroffen, vor allem der berühmte Kuppellesesaal im Hofinnern, war aber als Herberge der Bücher mehr oder weniger notdürftig wieder herzurichten. Über acht Millionen Bücher und sonstige wertvolle Überlieferungsträger wollen also sinnvoll und überzeugend auf zwei Häuser in der Mitte der Stadt neu verteilt sein – ein gigantisches Planspiel, an dem man die Nation gern stärker beteiligt sähe.

Die Zwillingskinder in Ost und West waren und sind Erben der Preußischen Staatsbibliothek Berlin, die von 1701 bis 1918 als Königliche Bibliothek firmierte und ihren Ursprung auf den Entschluß des Großen Kurfürsten im Jahre 1661 zurückdatierte, die Haus- und Schloßbibliothek der Hohenzollern der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach den Napoleonischen Kriegen gerierte sich das gestärkte Preußen als Vorreiter nationaler Belange in Wirtschaft, Politik und vor allem Kultur. Die Humboldtsche Universitätsgründung, die auf Leibniz zurückgehende Akademie der Wissenschaften, bald auch die Königliche Bibliothek sollten zu führenden Einrichtungen unter den deutschen Staaten werden.

Dieser preußische Impetus ging über auf das junge Reich. Die Königliche Bibliothek nahm im Verbund mit der Kaiser Wilhelm Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften – der Vorläuferin der Max-Planck-Gesellschaft – nochmals einen mächtigen Aufschwung. Adolf von Harnack repräsentierte beide Institutionen sowie die Einheit von Wissenschaftler, Organisator und Bibliothekar glanzvoll im Innern und nach außen. Zwar war der Vorsprung der British Library oder der Bibliotheque Nationale nicht mehr aufzuholen. Und doch wurde mit mehr als eineinhalb Millionen Bänden zu Beginn des Ersten und mit mehr als drei Millionen Bänden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ein Ausbau erreicht, der Berlin zur Spitzenposition im Reich verhalf. An Dichte der Sammlungen zumal in der deutschen Literatur, der wissenschaftlichen Werke, der Akademie- und Zeitschriften, der Nachschlagewerke und Bibliographien sowohl aus Deutschland wie vor allem dem Ausland hatte die Preußische Staatsbibliothek schließlich die alten, berühmten Einrichtungen in München, Dresden, Göttingen überflügelt.

Hinzu kamen die grandiosen nationalen Aufgaben, die von Berlin aus entworfen und durchgeführt wurden: der Preußische, seit 1935 der Deutsche Gesamtkatalog, in dem lange vor dem National Union Catalogue der Vereinigten Staaten der Buchbesitz von über hundert großen Bibliotheken dokumentiert wurde; der Gesamtkatalog der Wiegendrucke, also der im 15. Jahrhundert seit Gutenbergs Erfindung gedruckten Bücher mit dem Nachweis aller Exemplare auf der Welt; der Gesamtkatalog der in- und ausländischen Zeitschriften sowie der monographischen Neuerscheinungen in deutschen Bibliotheken – Vorläufer der heutigen Zeitschriften- und Monographien-Datenbanken. Berlin war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein unbestrittenes nationales bibliothekarisches Zentrum. Und sein Realkatalog, in dem die mehr als drei Millionen systematisch aufgestellten Bände hervorragend erschlossen waren, ist noch heute für alle Wissensgebiete eine Fundgrube ersten Ranges.

Dieses imponierende bibliothekarische und kulturpolitische Werk wurde mit Naziherrschaft und Krieg beendet. Anfangs mit Sorgfalt, später in wilder Hast gingen die Bücher in 29 Auslagerungsquartiere in Franken und Hessen, Mitteldeutschland und Böhmen, Pommern und Schlesien. "Wer soll das alles später wieder in Ordnung bringen?" fragte Generaldirektor Krüß 1944 – und nahm sich ein Jahr später das Leben, weil er wie andere den Untergang der traditionsreichen Institution nicht ertrug.