Von Martin Klingst und Kuno Kruse

Aufgerissene Augen, fröstelnde Körper, nervöse Gestalten auf der Suche nach Stoff. Flinke Hände berühren sich flüchtig. Vor den Hauseingängen Mädchen, dämmernd, die Lider schwer. Kellerkaschemmen, Spielhallen, Videokabinen, Absteigen – es sind nur ein paar Seitenstraßen auf der Rückseite des Hamburger Hauptbahnhofs, versteckt hinter der bürgerlichen Fassade aus gediegenen Hotels und dem Deutschen Schauspielhaus, einige Gänge und Unterführungen abseits des Bahnhofsbetriebes. Ein Stück von Hamburg-St. Georg. Ein schlimmes Stück Deutschland.

Kaum ein Verbrechen, das es hier nicht schon gab. Wer an diesem Ort für Recht und Ordnung sorgen soll, muß sein Tun als vergeblich empfinden.

Das "polizeiliche Gegenüber", wie es im Amtsdeutsch heißt, ist aufsässig und frech. Dealer, so sagen die Polizisten, hätten Rasierklingen unter ihre Jackenkragen gesteckt, an denen sich leicht verletzen kann, wer sie packen will. Und wenn sie gegriffen werden, haben sie meist leere Taschen. Das Heroin liegt versteckt in Depots.

Alltag der Wache 11. Mehr als hundert Polizisten arbeiten im Schicht- und Streifendienst, verstärkt durch zwei Sondereinheiten, die E-Schicht des Revier? und den Einsatzzug Mitte. Für die Bürger erschien das Polizeiquartier stets wie ein vorgeschobenes Fort der Rechtsstaatlichkeit – bis zur vergangenen Woche.

"Negroide Personen", notierte ein Polizeibeamter in einem Vermerk an die Polizeiführung, seien im Keller der Wache von Beamten des Einsatzzuges Mitte so lange provoziert worden, bis sie sich wehrten und damit einen Vorwand lieferten, sie zu "schlagen und zu mißhandeln". Zwei der Beamten sympathisierten mit neonazistischen Ideen, einer von ihnen gehöre einer Wehrsportgruppe an, der andere habe sich jetzt zum Staatsschutz versetzen lassen, Abteilung Rechtsextremismus. Und der Zugführer habe über die Mißhandlungen der Afrikaner hinweggesehen.

Die wackeren Schutzmänner von Wache 11 – in Wahrheit ein finsterer Haufen von Schlägern und Rassisten? 27 Mann, der gesamte Einsatzzug Mitte, wurde auf Intervention des Ersten Bürgermeisters Henning Voscherau für drei Monate außer Dienst gestellt. Der Innensenator Werner Hackmann hat, konsterniert vom "Ausmaß der Ausländerfeindlichkeit", seinen Hut genommen, um den Weg für eine Radikalkur in der Hamburger Polizei frei zu machen.