Kairo

Langsam öffnet sich das Schiebedach der Moschee, und Mustafa Mahmud blickt durch das gewaltige Teleskop, bringt es mit einigen Handgriffen in die richtige Stellung. Der gelernte Arzt gerät ins Schwärmen. "Sehen Sie nur! Die Sterne, das Firmament, die Planeten... Die Wunder Gottes erklären sich nicht, aber sie sind da, wie eine Blume, die sich öffnet und das Herz erfreut."

Jeder in Ägypten kennt Mustafa Mahmud, den Bestsellerautor, Wohltäter und "wahren islamischen Fundamentalisten", so sagt er. "Ich helfe, ich liebe, ich diene. Das ist Fundamentalismus. Nicht Terror und Gewalt." Wie ein Leuchtturm steht die Mustafa-Mahmud-Moschee an einer Hauptstraße in Kairo, im Stadtteil Muhandisin, wo überwiegend Angehörige der gehobenen Mittelschicht leben, in großzügig angelegten Hochhauskarrees. Freitags gegen Mittag, die Zeit der großen Wochenpredigt im Islam, bricht hier der Verkehr zusammen. Tausende strömen in die Moschee, Betende belegen die Straßen und Plätze. Mustafa Mahmud predigt nie selber, er hält sich bedeckt. Seine Freunde sind allerdings Programm, berühmt-berüchtigte Scharfmacher, die in seiner Moschee immer wieder ein Forum erhalten. So empfehlen sie etwa, den christlichen Kopten im Land nicht die Hand zu reichen, weil dadurch die religiöse Reinheit der Muslime gefährdet würde.

Mustafa Mahmud wittert allenthalben eine Verschwörung. Die Anschläge auf Touristen, Politiker und Polizisten in Ägypten, die bislang über einhundert Menschen das Leben gekostet haben, die Hetzjagd auf liberale Kritiker – alles ein Werk der CIA. "Die Gewalt im Namen des Islam kommt aus dem Ausland. Die Amerikaner haben doch auch in Afghanistan radikale Fundamentalisten mit Waffen und Geld unterstützt." Das stimmt, aber Ägypten ist nicht Afghanistan. Warum auch sollten die Amerikaner die prowestliche Regierung in Kairo schwächen?

"Weil sie die Würde der Muslime mit Füßen treten. Weil sie nicht wollen, daß die Araber ihre eigene Politik machen. Sie behandeln uns wie die kleinen Kinder. Wir sind nützliche Idioten für den Westen. Und dagegen wehren wir uns." Mustafa Mahmud ist in seinem Element. "Die große Verschwörung" heißt eines seiner siebzig Bücher. Darin schreibt er: "Die Amerikaner wollen unser Öl. Der Teufel spricht aus ihren Taten, nichts ist ihnen heilig. Und ihr bester Verbündeter ist Israel, ein treuer Freund der Serben, die täglich in Bosnien die Muslime abschlachten."

Liest man diese Ansichten zum Nennwert, so sind sie in der Tat bestenfalls eine wirre Geschichtsklitterung. Aber es geht nicht um rationale Überzeugung, sondern um emotionale Wirkung: Hunderttausende Ägypter denken wie er, sehen sich als Opfer einer "Verschwörung" gegen den Islam, ausgeheckt von CIA und Zionismus. Wie diese Verschwörung überwinden? "Indem wir uns auf unser eigenes, unverfälschtes islamisches Leben besinnen", meint Mustafa Mahmud. "Der amerikanische way of life ist ein Mythos, eine Lüge, und er verachtet die Muslime." Es sei notwendig, das "Goldene Mittelalter" fortzuführen, als die Europäer bei den Arabern Wissenschaft und Philosophie studierten. "Galileo Galilei hätte bei uns in allen Ehren forschen können, ohne Inquisition. Er war ein großer Gelehrter, den ich nie vergesse, wenn ich die Sterne betrachte. Wissenschaft und Glauben – das ist der Weg zu Größe und Ruhm." Viele Muslime leiden wie Mustafa Mahmud unter einem Gefühl von Minderwertigkeit und machen den Westen verantwortlich für ihr Unbehagen an der Welt. Dahinter steht nicht selten die Geschichte einer enttäuschten Liebe. Lautstark denunzieren vor allem die Fundamentalisten, was sie im stillen bewundern – ohne daß diese Bewunderung je erwidert worden wäre.

Nimmt man die seelischen Verletzungen gesprächsbereiter Islamisten ernst, reagieren sie häufig freundlich und versöhnlich – endlich nimmt sie "der Westen" zur Kenntnis! Nicht anders Mustafa Mahmud, der nach endlos vielen Tassen Tee einräumt: "Im Grunde sind ja Orient und Okzident dasselbe. Abgesehen von der Sexualität. Diese Nackten bei euch im Fernsehen, das geht zu weit. Oder diese Homosexuellen, die kirchlich heiraten dürfen. Das ist ja pervers." Und plötzlich redet der ägyptische Fundamentalist nicht viel anders als der deutsche Spießer.

Mustafa Mahmuds publizistische Karriere begann in den fünfziger und sechziger Jahren. Damals schrieb er gesellschaftskritische Theaterstücke und Romane, attackierte bürgerliche Moralvorstellungen und fand den arabischen Sozialisten Nasser, der damals Ägypten regierte, noch viel zu konservativ. Die Wende kam mit der traumatischen arabischen Niederlage im Sechstagekrieg gegen Israel 1967. Weite Teile der Bevölkerung, einschließlich der Mittelschichten, suchten Trost in der Religion. Der islamische Fundamentalismus wurde geboren, Mustafa Mahmud einer seiner einflußreichsten Vertreter? Aus dem linken Aufklärer wurde ein konservativer religiöser Verklärer, der Bücher schrieb wie "Meine Reise von der Unwissenheit zum Glauben". Seine Hauptthese: Die Muslime müssen sich die Methoden moderner Wissenschaft aneignen, Ignoranz und Trägheit überwinden und in ihrer Lebensführung zurückkehren zu den Wurzeln der Religion, der koranischen Offenbarung. Anwar el-Sadat wurde auf den Bestsellerautor aufmerksam und verschaffte ihm einen eigenen Sendeplatz im Staatsfernsehen. "Wissen und Glauben" heißt Mustafa Mahmuds homöopathische Dosis Fundamentalismus zur besten Sendezeit, eine halbe Stunde jeden Montagabend, seit über zwanzig Jahren.

Als Fernsehapostel ist er beliebt wie bei uns vielleicht ein Robert Lembke, seine Bücher verkaufen sich wie hierzulande Heinz Konsalik. Das Geheimnis seines Erfolgs ist die einfache, schnörkellose Sprache, die schlichte Weltbilder vermittelt: Beten und Fasten seien besser als Alkohol oder Sexualität außerhalb der Ehe, den Eltern solle man nicht widersprechen, die Kinder nach Möglichkeit nicht schlagen und so weiter.

Seinen Ruhm stellt der heute Siebzigjährige in den Dienst der Religion. Vor zwanzig Jahren baute er seine Moschee, das Grundstück schenkte ihm die Regierung. "In Ägypten", erzählt Mustafa Mahmud, "zahlen die Menschen ungern Steuern. Sie halten die Leute an der Macht für korrupt." Gläubige Muslime zögen es vor, Steuern zu hinterziehen und statt dessen zakat zu entrichten, eine freiwillige Abgabe in Höhe von zehn Prozent des Einkommens, die an religiöse Institutionen gezahlt wird.

Zum Beispiel an Mustafa Mahmuds Moschee-Gesellschaft, die vor allem Gesundheitsdienste finanziert. Drei Krankenhäuser unterhält die Gesellschaft, ausgestattet mit modernstem medizinischem Gerät einschließlich Laser und Strahlentherapie. 120 Fachärzte behandeln hier jährlich 700 000 Patienten für symbolische Gebühren: 50 Pfennige kostet etwa eine Augenoperation. Jeden Tag drängeln sich Patienten vor den Kliniken, warten geduldig auf Einlaß und Behandlung. Es sind vor allem die Ärmsten der Armen, die Hilfe suchen. Staatliche Krankenhäuser- oder Privatärzte könnten sie niemals bezahlen, und eine Krankenversicherung gibt es nur in Ansätzen.

"Was wir machen, ist sehr islamisch", betont Mustafa Mahmud. "Wir nehmen Geld von den Reichen und leiten es weiter an die Armen." Allein die Gesundheitsdienste kosten jährlich fünfzehn Millionen Mark, größtenteils finanziert aus ägyptischen Spenden, etwa zwanzig Prozent kommen aus Saudi-Arabien. Darüber hinaus zahlt die Moschee-Gesellschaft Renten an Witwen und Waisen, finanziert Alphabetisierungsprogramme, unterhält ein kleines Museum und besagte Sternwarte – "um die Wunder Gottes zu schauen".

Je länger man sich mit Mustafa Mahmud befaßt, desto schwieriger wird es, ein klares Urteil über den Mann zu fällen. Ist er ein fundamentalistischer Wolf im Schafspelz? Ein Scharlatan? Ein Humanist?

"Von jedem ein bißchen", meint Ali Hillal Dessouki, Dekan der politischen Fakultät an der Universität Kairo. "Die Regierung schätzt ihn, weil er soziale und medizinische Dienste anbietet, die den Staat finanziell überfordern. Gleichzeitig ist Mustafa Mahmud überaus beliebt, auch die schärfsten Kritiker des Fundamentalismus halten ihn für moralisch integer – weil er einfach und bescheiden lebt und die ihm anvertrauten Gelder nicht mißbraucht."

Könnte es aber nicht sein, daß er Islamisten im Untergrund finanziert? "Ich halte das für ausgeschlossen", sagt Dessouki. "Mustafa Mahmud ist eine Institution, er ist Teil des Establishments und hätte keinen Grund, seine Stellung zu gefährden." Das Problem, so Dessouki, sei ein anderes: "Er ist politisch naiv. Er gilt als Biedermann, aber er läßt es zu, daß in seiner Moschee Leute predigen, die hinlänglich als geistige Brandstifter bekannt sind. Und die Regierung läßt es geschehen – weil sie Angst hat vor diesen Scharlatanen."