Von Karl Heinz Götze

Seit dem 19. Jahrhundert kann es als Gemeinplatz gelten, daß der deutsche Begriff „Kultur“ ein ziemlich vertracktes Ding ist, ein Begriff mit weitem Geltungsbereich und fließenden Grenzen. Ein Gemeinplatz ist auch, daß dieser Begriff im Verein mit „Bildung“ „spezifisch deutsch“ ist, jedenfalls im Vergleich zur semantischen Ordnung der französischen oder englischen Sprache. Nur hat erstaunlicherweise noch niemand die historische Semantik dieser so deutschen Schlüsselbegriffe von ihrer Entstehung bis zur Gegenwart untersucht. Diese Lücke will das Buch des Siegener Literaturhistorikers Georg Bollenbeck füllen – angesichts der Menge des zu untersuchenden Materials und der methodischen Schwierigkeiten seiner Untersuchung ein überaus ehrgeiziges Unternehmen, das freilich über den engeren wissenschaftlichen Bereich hinaus reichen Ertrag verspricht, geht es doch um ein Konzept, das nicht nur Fachwissenschaft(en) prägte, sondern über mehr als ein Jahrhundert im Mittelpunkt deutscher Selbstreflexion stand.

Methodisch gesehen, geht es also nicht um Wortgeschichte, wie sie die Sprachwissenschaft betreibt, sondern um Begriffsgeschichte. Dies aber auch nicht allein als Rekonstruktion komplexer philosophischer Systeme im Sinne einer immanenten Ideengeschichte, sondern als Untersuchung des Zusammenhangs von historischer Konstellation, gesellschaftlicher Kommunikation und konzeptioneller Repräsentation. Vereinfacht gesagt: – Bollenbeck interessiert sich weniger dafür, was – sagen wir – Hegel von Kants Kulturbegriff übernommen und mit welchen Gedanken er ihn intelligent überboten hat, sondern er will in erster Linie ermitteln, wie, warum, in welcher Form und von wem die Systeme der intellektuellen „Stichwortgeber“ des Kulturkonzepts aufgenommen werden, wie sie die Öffentlichkeit und die Institutionen prägen. Ihn interessiert weniger die Frage nach dem „richtigen“ Kulturkonzept als die nach dem historisch wirksamen. Sein Vorhaben bewegt sich auf dem Feld zahlreicher Fachdisziplinen. Es integriert Sozial-, Philosophie- und Wirkungsgeschichte; es ist diskursanalytisch, ohne dieses Prädikat ausdrücklich zu reklamieren.

Die Struktur des Buches ist übersichtlich: Zuerst geht es um „Kultur“ bei den alten Griechen, den Römern, im Mittelalter, in der Renaissance, im Absolutismus, in der Aufklärung. Dann um den Bildungsbegriff, um seine Wurzeln im deutschen mystisch-pietistischen Denken, die Verästelungen seines Fortwirkens, um Leibniz, Rousseau und Shaftesbury. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit um 1800, als Kultur und Bildung zu einem spezifisch deutschen Konzept zusammenschießen und gesellschaftliche Wirklichkeit wie elaborierte Deutungsmuster derselben generieren. Es folgen die Schicksale des Konzepts im 19. und 20. Jahrhundert bis auf Botho Strauß’ „Bocksgesang“.

Der Kulturbegriff erfährt seine entscheidenden Prägungen im letzten Drittel des 18. und am Beginn des 19. Jahrhunderts. Mit dem Kameralismus setzt er sich in der deutschen Sprache durch, ohne jedoch konzeptionelle Prägekraft zu erlangen. Das ändert sich mit der Aufklärung. Mit den „Verbesserungserfahrungen“ (Bollenbeck) der Aufklärungsperiode, an denen die deutsche Intelligenz mindestens intellektuell Teil hatte, mit der Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit gewinnt der Kulturbegriff eine geschichtsphilosophische Dimension, wird er bezogen auf den Fortschritt des Menschengeschlechts. Zur geschichtsphilosophischen tritt notwendig die kritische Dimension: Fortschritt kann behindert oder verfehlt werden, wie schon Herder weiß, der erste deutschsprachige Autor, der „Kultur“ im Rahmen des Selbstverständigungsprozesses der deutschen Aufklärung zu verorten sucht. Jedenfalls: Der spätaufklärerische Kulturbegriff in Deutschland unterscheidet sich konzeptionell noch wenig von dem, was die französischen Aufklärer unter civilisation verstehen: Er „umfaßt, allgemein gesprochen, die individuelle und gesellschaftliche Tätigkeit, die Ökonomie und die Gesamtheit gesellschaftsbestimmter Verhaltensweisen“.

Dann aber erfolgt im Übergang zum Neuhumanismus innerhalb weniger Jahre eine entscheidende Umprägung des Begriffs, der nun eine spezifisch deutsche Semantik gewinnt. Die praktischgesellschaftlichen Elemente werden abgewertet – das Bedeutungsfeld verengt sich also –, dafür assoziiert er sich dem Begriff der „Bildung“ und den mystisch-pietistischen, philosophischen, ästhetischen und pädagogischen Konzepten, die er enthält. Die Konsequenz ist Abstinenz gegenüber dem Politischen, Distanz gegenüber dem Ökonomischen und die emphatische Feier der „Zweckfreiheit“ des tätigen Subjekts, seiner „sittlichen Autonomie“, seiner geistigen Kräfte. Ging es im Kulturbegriff der Aufklärung eben noch um Nützlichkeit, gesellschaftliche Wohlfahrt und Glückseligkeit, so rücken jetzt Zweckfreiheit, Selbstkultivierung und Individualität ins Zentrum des Konzepts. Daß erst der Mensch geändert werden muß, ehe man die staatlichen Verhältnisse mit Aussicht auf Erfolg ändern kann, gehört seit der Terrorphase der Französischen Revolution zu den (fast) unbestrittenen Grundüberzeugungen der deutschen Intelligenz.

Man weiß, welche elaborierten Konzepte von Kultur und Bildung in diesen Zusammenhang gehören: Kant, Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, Hegel. Bollenbeck skizziert sie sachkundig – am wenigsten ausführlich übrigens die Konzepte Goethes und Hegels, wohl weil die eben auch am weitesten entfernt sind vom neuhumanistischen Mainstream. Aber mehr als für die Rekonstruktion der Konzepte interessiert er sich eben für ihr Praktischwerden. Der für das Praktischwerden entscheidende Intellektuelle war Wilhelm von Humboldt, der zum richtigen Zeitpunkt die Idee der Bildung in die Stabilität staatlicher Institutionen überführte. Daß die Idee zum Schulgebrauch etwas vereinfacht werden mußte, tat dem Erfolg des Deutungsmusters keinen Abbruch, sondern war geradezu dessen Voraussetzung.