Von Werner A. Perger

Wien

Die Geschichte handelt von Österreich, aber es liegt nahe, gleich an Deutschland zu denken. Man stelle sich vor: In den zwei Wochen vor der Bundestagswahl findet Abend für Abend, zur besten Sendezeit, ein Fernsehduell zwischen jeweils zwei Spitzenkandidaten der im Parlament vertretenen Parteien statt. Kohl debattiert einmal mit Scharping, dann aber auch mit Fischer, mit Kinkel, gar mit Gysi, der wiederum mit den drei anderen und die auch wieder jeweils miteinander (Fischer-Kinkel); als deutsche Spezialität müßte man wohl auch Waigel im Schema unterbringen. Am Ende folgt eine gemeinsame Schlußrunde. Ein Alptraum? Keine Sorge. Nie und nimmer ließe Helmut Kohl sich auf ein solches Abenteuer ein.

Die Österreicher haben, mit ungleich bunterer Besetzung freilich, dieses Experiment in Mediendemokratie gewagt. Es kam, wie erzählt wird, eher zufällig zustande. Unklar blieb, ob Bundeskanzler Vranitzky und seine Berater nicht geistesgegenwärtig genug oder aber genügend demokratiebewußt waren, als sie sich auf das Unterfangen einließen. Wie auch immer, der Österreichische Rundfunk (ORF) ist stolz darauf. Die „Runden Tische“ mit den insgesamt fünf Duellanten, drei Männer, zwei Frauen, bestimmten weitgehend die Debatten des Wahlkampfs. Was hätten die Wahlkämpfer ohne dieses Forum überhaupt gemacht?

Doch wer weiß, ob ein österreichischer Kanzler sich solchem Streß noch einmal unterzieht? Wahrscheinlich ist es nicht. Das Argument, wonach der Vorteil zunächst beim Herausforderer liegt – weshalb Helmut Kohl „Duelle“ strikt ablehnt scheint durch die österreichische Erfahrung bestätigt. Franz Vranitzky, Vorsitzender der Sozialdemokraten und weit über seine Partei hinaus populärer Chef der Großen Koalition, hat in dem Turnier einiges von seinem Nimbus als unerschütterlicher, über den Parteien schwebender Staatsmann eingebüßt. Das Debattenmarathon nutzt ab. Vranitzky gilt als kluger Mann mit klaren Gedanken und übersichtlicher Argumentation, aber er ist auch, von Auftritt zu Auftritt wurde das deutlicher, ein normaler Mensch. Nicht alles prallt wirkungslos von ihm ab. Ähnliches widerfuhr dem Vizekanzler und Vorsitzenden der christlichdemokratischen Volkspartei (ÖVP), Erhard Busek, dessen Bildschirmschwäche schon bekannt war.

Gewonnen haben, im Ausmaß unerwartet, die anderen. In Zeiten einer Großen Koalition wirkt das als ausgleichende Gerechtigkeit. Jedenfalls fiel ein beträchtlicher Anteil der Punkte, die Vranitzky und Busek in den Duellen verloren, als Gewinn an die beiden Streiterinnen der Opposition: an die kühl-distanzierte Heide Schmidt vom neuen Liberalen Forum und die engagiert-leidenschaftliche Madeleine Petrovic von den Grünen. Die beiden Damen waren die Überraschung des Debattenwettbewerbs. Darüber freuten sich viele, denn beide genießen viel Sympathien, zu denen nun Respekt kommt.

Doch zu den Damen der Opposition gesellte sich der notorisch böse Bube, Jörg Haider. Der Chef der Freiheitlichen Partei (FPÖ) wurde, nicht unerwartet, zum eigentlichen Sieger, obwohl auch er die zwei Konfrontationen mit den Frauen nicht ungeschoren überstand. Seit acht Jahren mischt er die Szene der Alpenrepublik auf. Dies entspricht genau dem Zeitraum, in dem die SPÖ/ÖVP-Koalition regiert. An seiner putschartigen Machtübernahme in der FPÖ zerbrach 1986 Österreichs sozialliberale Koalition. Solange er die FPÖ führt, will keine der beiden Volksparteien mit ihm regieren. Das ist Österreichs Teufelskreis: Es gäbe die Große Koalition nicht ohne Haider, und ohne die Große Koalition hätte Haider seine demagogischen Talente niemals so wirkungsvoll zur Entfaltung bringen können. Sein Spruch- und Gedankengut füllt seither Bände.