Von Klaus Wittmann

Bisweilen hat schönes Wetter auch seine Schattenseiten. Für die deutsche Strumpfindustrie beispielsweise war der Jahrhundertsommer geradezu ein Desaster. In den vergangenen Wochen häufen sich deshalb auch die Hiobsbotschaften in der traditionsreichen Branche: Nach dem Konkurs des Allgäuer Strumpfherstellers Edwin E. Rösser KG Sonthofen (Marke Ergee) kündigten die Feinstrumpffabriken Gutwein + Perel, die auch die ostdeutsche Traditionsmarke Esda produzieren, an, ihr Stammwerk im hessischen Schöneck-Kilianstädten zu schließen. Und die Vatter Gmbh (Marken: Elbeo/Nur Die/Bellinda) will ihre Produktion im Werk Augsburg einstellen und in ihr Schongauer Werk verlegen. 86 Arbeitsplätze fallen in Hessen weg, bei Ergee blieben nach dem Konkurs und der Umwandlung in eine reine Vertriebsfirma von 450 gerade mal 190 Arbeitsplätze, und von der Elbeo-Produktionsverlagerung sind 321 Beschäftigte in Augsburg betroffen – überwiegend Frauen, wie fast immer in der Textilbranche.

Doch nicht allein der heiße Sommer hat die Branche in Turbulenzen gestürzt. Wie die gesamte deutsche Textilindustrie klagen auch die deutschen Feinstrumpfhersteller seit Jahren über die ausländische Konkurrenz. Den in Deutschland hergestellten Strumpfhosen im Wert von 680 Millionen Mark (1991) steht ein Import von 590 Millionen Mark gegenüber. Fast die Hälfte der in der Bundesrepublik verkauften Strumpfhosen stammt somit aus dem Ausland, überwiegend aus Italien.

Grundsätzliche strukturelle Probleme der Branche kommen hinzu: Neue Trends auf dem Modemarkt und bessere Materialien, die längere Haltbarkeit mit sich bringen, sorgen für geringere Stückzahlen. „In den vergangenen fünf bis sechs Jahren sind unsere Verkaufszahlen um mehr als dreißig Prozent zurückgegangen“, erklärt Gunther le Maire vom Marktführer Kunert AG Immenstadt (Umsatz 1993: 630 Millionen Mark). Die Vatter GmbH spricht gar von einem Absatzschwund um fast fünfzig Prozent. Dieser Rückgang konnte nur teilweise durch höhere Preise kompensiert werden. Strumpfhosenfeindliche Mode und Trends kamen hinzu: Leggings und Socken – zu langen Hosen – stehen bei den Konsumentinnen höher im Kurs.

Manche Hersteller suchen hier den Rückgang bei den „Nylons“ zu kompensieren. „Uns ist es bislang noch nicht gelungen, das Markenimage, das wir bei Feinstrumpfhosen haben, auch bei diesen Produkten zu erreichen“, klagt der Kunert-Sprecher le Maire. Dabei strickt Kunert ebenso wie der erfolgreiche Konkurrent Falke in Schmallenberg und andere Hersteller ganz gehörig am Socken-Image. Biosocken aus reiner Wolle gelten als Hoffnungsträger der Branche.

Krisen sind freilich nichts Neues für die Strumpfbranche. Schon zum drittenmal in der Nachkriegszeit durchläuft sie derzeit einen Strukturwandel. In den fünfziger Jahren war der komplette Austausch der Produktionsanlagen nötig, als die Nahtstrümpfe out waren und zur Fertigung von nahtlosen Strümpfen Rundstrickmaschinen angeschafft werden mußten. Die sechziger Jahre brachten den Minirock, die Strumpfhose löste die Strümpfe ab. Dafür mußte ein neues Material – Elastan – entwickelt und verarbeitet werden. Mit dem Siegeszug der Jeans, der vor 25 Jahren begann, wurde auch der Niedergang der Strumpfhosen eingeläutet – gefolgt von dem Verlust vieler Arbeitsplätze und Fabrikationsanlagen. 1970 waren laut Gesamtverband der Deutschen Maschen-Industrie in Deutschland in 95 Strumpffabriken noch 37 700 Menschen beschäftigt. Heute sind es in 25 Fabriken, 5 davon in den neuen Ländern, 14 500 Mitarbeiter.

Elbeo beschäftigte vor zehn Jahren 1110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Werk Augsburg. Inzwischen sind dort nur noch 321 tätig. Auch die Kunert AG hat kräftig abgebaut – rund 1000 Mitarbeiter in zwei Jahren. Nicht allein der Modewandel, auch der Produktivitätsfortschritt, mit dem der Verbrauch nicht standhielt, trug zur Vernichtung von Arbeitsplätzen bei: Während 1750 noch hundert Arbeitsstunden erforderlich waren, um ein Kilo Garn herzustellen – berechnete der Züricher Textilmaschinenexperte Hans W. Krause –, sind es heute gerade einmal zwei Minuten. Allein beim Branchenführer Kunert lag der Umsatz pro Beschäftigten 1991 bei 104 000 Mark. 1993 waren es bereits 113 000 Mark. Doch alle Produktivitätsfortschritte konnten den Kostennachteil der deutschen Produktionsstätten nicht voll kompensieren.