Doch solche Einfälle, Tiefschürfendes in Umlauf zu bringen, sind natürlich ebenso rührend unkonventionell wie ökonomisch erfolglos. Als die Stadtverwaltung Berlin den Geldhahn abdrehte, mußte Alexander Dill andere öffentliche Projekte erst einmal ad acta legen. Nicht jeder Weg, Philosophie praktisch werden zu lassen, läßt sich begehen.

Dennoch ziehen viele Philosophen aus dem Elfenbeinturm der Universitätsseminare in die große weite Welt, um ihre Gedanken zu versilbern. Nicht nur, weil sie an der Alma mater keine Stelle finden. "Die Philosophie an der Universität ist ja auch ein Brechmittel", sagt Gerd Achenbach. Er hat Anfang der achtziger Jahre in Bergisch-Gladbach die erste Philosophische Praxis gegründet. Der promovierte Schüler des Kölner Skeptikers Professor Odo Marquard berät vor allem Personen bei deren persönlichen Problemen. Doch er gibt auch Seminare zur Philosophiegeschichte und hält Vorträge.

Die Praxisräume sind penibel aufgeräumt. In den Regalen stapeln sich Capriccios von Plutarch, Montaigne oder Nietzsche und zwanzig Jahrgänge der kulturphilosophischen Zeitschrift Merkur. "Was sich dort in ewig abstrakten, dämlichen erkenntnistheoretischen Fragen wälzt und sich in einer unsäglichen Ferne zu allem Leben abspielt", räsoniert Gerd Achenbach, "das ist grauenhaft." Statt dessen sucht er Menschen diskursive Hilfestellung zu geben im Umgang mit sich selbst. Denn Philosophie ist für ihn ohnehin wie ein Gespräch, "unruhig, lebendig, aber nicht irrational".

So versucht Achenbach den Menschen – gegen Bezahlung, versteht sich – auf dem Weg zu einem gelingenden Leben zu helfen. Früher wurden die Menschen in dieser Hoffnung von der Kirche mit Heilsversprechen getröstet, heute wird das richtige Leben von Psychologen mit einer Inflation stets neuer Therapien propagiert.

Solche Patentrezepte störten den Skeptiker. Und so entwarf der Unzufriedene eben 1978 schon die Idee der Philosophischen Praxis, die er zum ersten Mal in der Volkshochschule in Detmold vortrug. Ein historisches Datum. 1981 setzte er den Einfall in die Tat um.

Die Idee regte bald auch andere zur Nachahmung an. Eine Gesellschaft wurde gegründet, ein Kongreß veranstaltet, weitere Praxen wurden eröffnet, ein zweiter Verein aus der Taufe gehoben, neue Theorien entworfen und vergessen. Deutsche schätzten es, meint Achenbach, wenn Kopf und Welt geordnet sind. Und so hatte die damals neue "Unübersichtlichkeit" plötzlich einen Markt für Berater geschaffen. Bei beschäftigungslosen Philosophen weckte das viele Hoffnungen. Doch ohne sokratisches Talent zur Gesprächsführung läßt sich die individuelle Aufklärungsarbeit nicht leisten. Heute gibt es um die dreißig Praxen im deutschsprachigen Raum, die mal vom Existentialismus, mal von Hegel oder Habermas geprägt sind.

"Aufklären, nicht heilen", heißt deren Devise, und sie verbindet verschiedenste Ansätze individueller philosophischer Beratung. "Viele kommen oft nach gelungenen Therapien zu mir, frei nach dem Satz I’m happy, what now?", schildert Achenbach das Verhältnis zur Psychologie. Denn nicht nur die Psyche schafft dem Menschen Probleme. Auch die geistige Kommandozentrale, das Selbstverständnis, will gehandhabt sein. Wenn ein Mensch erkennt, nach welchen Werten, Gründen, Regeln und Zielen er entscheidet, wird ihm die Vernunft des eigenen Handelns deutlich. Und da läßt sich mit einem verständnisvollen Gesprächspartner mancher Knoten lösen. Der darf auch Philosoph sein, muß nicht, aber was soll’s.