Innerhalb weniger Monate sind die Zinsen an den internationalen Kapitalmärkten empfindlich gestiegen. Den Hintergrund bildet das unerwartet starke Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten, das die Furcht vor einer zunehmenden Geldentwertung verstärkt hat. Auch in Deutschland erhöhte sich die Umlaufrendite öffentlicher Anleihen seit Jahresbeginn von rund 5,5 Prozent auf etwa 7,4 Prozent. Selbst in Japan, wo sich die Wirtschaft eher mit Deflationsproblemen herumschlagen muß, sind die Renditen am Rentenmarkt gestiegen. Der Anstieg der Aktienkurse in den großen Industrieländern wurde im Gegenzug gestoppt.

Anfangs hielten die Börsianer zumindest in Europa den Zinsanstieg für eine vorübergehende Delle in einem abwärts gerichteten Trend. Doch inzwischen macht sich auch hier Pessimismus breit. Jetzt, da die Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zurückgekehrt sei, so ist immer häufiger zu hören, werde der nächste Schritt der Bundesbank eine Erhöhung der Leitzinsen sein.

Aber die Börse hat nicht immer recht. Dem amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträger Paul Samuelson wird der Ausspruch zugeschrieben: Die Finanzmärkte würden Konjunkturflauten oft im voraus erkennen; von den vergangenen drei Rezessionen hätten sie fünf vorhergesehen.

Ein anderer Harvard-Ökonom, James Medoff, hat eine ähnlich zwiespältige Meinung von der Weitsicht der Börsianer. Er hält das Gerede von der drohenden Inflation in den Vereinigten Staaten für übertrieben. Zwar sei die amerikanische Arbeitslosenquote auf den tiefsten Stand seit drei Jahren gefallen. Aber erst, wenn viele Stellen unbesetzt blieben, müßten die Arbeitgeber Löhne und Gehälter heraufsetzen, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Dann erst beschleunige sich auch die Inflation. Tatsächlich liege aber die Zahl der offenen Stellen in den USA im Verhältnis zu den Beschäftigtenzahlen nahe einem 30-Jahre-Tiefstand. Der Rentenmarkt, meint Medoff, liege mit seiner Inflationsangst daher ganz einfach schief.

Deutschland befindet sich in einer ähnlichen Situation, nur hat der Aufschwung hier – wie in den meisten europäischen Nachbarländern – zwei Jahre später als in Amerika begonnen. Die Arbeitslosenzahlen dürften im kommenden Winter noch einmal Rekordhöhen erreichen. Und wegen der starken Konkurrenz der Billiglohnländer in Mittel- und Osteuropa sowie in Asien werde die Arbeitslosigkeit in Deutschland auch bei kräftigem Wachstum nur zögernd zurückgehen, meinen die Experten. Auch in der Wachstumsperiode der achtziger Jahre blieb die Arbeitslosigkeit lange auf einem hohen Sockel, während gleichzeitig die Inflationsrate ständig zurückging. Erst der Vereinigungsboom brachte dem Arbeitsmarkt Entlastung – und eine heftige Teuerungswelle.

Bei einer Arbeitslosenquote von über acht Prozent und einer Inflationsrate von unter drei Prozent – mit möglicherweise sinkender Tendenz – könnten langfristige Kapitalmarktzinsen von über 7,5 Prozent eine attraktive Kaufgelegenheit für Anleihen darstellen. Sinkende Renditen am Rentenmarkt dürften auch die Aktienkurse alsbald wieder beflügeln.