Von Theo Sommer

Drei Jahre ehe er 1870/71 das Deutsche Reich zusammenschmiedete, rief Otto von Bismarck dem Reichstag des Norddeutschen Bundes zu: "Setzen wir Deutschland in den Sattel! Reiten wird es schon können." Ein Vierteljahrhundert später schrieb er, der Staatsmann des Maßes und der Mitte, enttäuscht an Roon: "Dies Volk kann nicht reiten. Ich sage dies ohne Bitterkeit und ganz ruhig: Ich sehe schwarz in Deutschlands Zukunft."

Im Abstand von drei, vier Generationen erkennen wir, daß aus diesen Zeilen nicht nur Alterspessimismus sprach. Bismarcks Alpträume wurden auf fürchterliche Weise Wirklichkeit. Seine Nachfolger begnügten sich nicht damit, das "Bleigewicht am Stehaufmännchen Europa" zu sein. Seegeltung, Weltgeltung, ein "Platz an der Sonne" (Bülow), "Ellenbogenraum" (Max Weber) wurden die Ziele. Aber der Griff nach der Weltmacht mißlang, der Reiter flog im Ersten Weltkrieg aus dem Sattel, in Versailles wurde uns 1919 die Quittung ausgestellt. Damit war die erste Chance vertan, die sich den Deutschen in einem vereinten Deutschland geboten hatte.

Die zweite Chance, verkörpert in der Weimarer Republik, versank 1945 in den Trümmern, die Hitlers verbrecherischer Krieg hinterließ – ein Krieg, in dem es ja nicht so sehr um die Revision des harschen Versailler Vertrages ging, sondern – weit darüber hinaus – um die Unterwerfung oder Ausrottung der nichtdeutschen Völker Europas. Auch dieser zweite Griff nach der Weltmacht mißriet gründlich. Abermals wurden die vorpreschenden Deutschen aus dem Sattel geworfen – und diesmal mußten sie sich nicht bloß Mangel an Takt, Geschick und Voraussicht ankreiden lassen, sondern finstere Eroberungsabsicht und kriminellen Unterjochungsehrgeiz.

Die Teilung Deutschlands war diesmal die Quittung. Vierundvierzig Jahre lang – von 1945 bis 1989 – bestimmte sie das Schicksal der Nation. Im Westen baute die Generation unserer Väter und Großväter die Bonner Republik auf, das achtbarste, anständigste, wohlhabendste Gemeinwesen, das wir Deutschen je besaßen; im Osten blieben die Menschen in der kommunistisch-totalitär-ärmlichen DDR auf den Kosten der Niederlage sitzen.

Kein realistisch denkender Mensch rechnete mit einer baldigen Wiedervereinigung. Sebastian Haffner, ein unaufgeregter, unverdächtiger Zeitzeuge, schrieb 1987: "Ein Ende der beiden nun schon fast vier Jahrzehnte alten deutschen Staaten ist jedenfalls nicht abzusehen." Helmut Kohl, wäre er anderer Meinung gewesen, hätte schwerlich in jenem Jahr für Erich Honecker den roten Teppich vor dem Bundeskanzleramt ausgerollt. Heute wollen es die nachträglich Neunmalklugen schon immer besser gewußt haben. Aber seien wir ehrlich: Die Rechten wollten nicht glauben, daß sich der Kommunismus je ändern werde; die Linken konnten nicht glauben, daß er sich bald ändern werde; dreißig bis fünfzig Jahre gesellschaftlicher Entwicklung hielt ich für realistisch.

Eine Wiedervereinigung aber, welche die beiderlei Deutschen unter sich ausmachten, vermochte niemand sich vorzustellen. Bei der bloßen Erwägung dieser Möglichkeit sträubten sich selbst unseren westlichen Nachbarn und Freunden die Nackenhaare; und daß Moskau die Panzermotoren warmlaufen lassen würde, sobald diese Möglichkeit konkrete Konturen gewann, war niemandem zweifelhaft, dem sich die ruchlosen Eckdaten des Kalten Krieges ins Gedächtnis gebrannt hatten: Ost-Berlin am 17. Juni 1953; Ungarn und Polen 1956; Prag 1968; Tienanmen 1989. Eine "Wiedervereinigung im Massengrab" (Haffner) durfte niemand wollen.