Die Flut der Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, an "seine großen Untaten und geringeren Heldentaten bricht nicht ab. Im Gegenteil: Neue Museen und Gedenkstätten entstehen, werden besucht und umstritten, neue Filme werden gedreht und viel diskutiert, und Bücher werden geschrieben von Menschen, die jahrzehntelang schwiegen und erst jetzt, nachdem sie alt geworden sind, Zeugnis über ihre Kindheit ablegen.

Der Autor von "Lügen in Zeiten des Krieges" ist ein renommierter New Yorker Anwalt, bekannt für seine Fähigkeit, internationale Geschäftsverhandlungen auf höchster Ebene abzuwickeln. Ursprünglich stammt er aus einer jüdisch polnischen Familie und überlebte den Krieg im besetzten Polen, dank seiner Mutter, die immer neue Verstecke suchte und falsche Identitäten mit den dazugehörigen Lügen erfand. Nach dem Krieg und der Assimilation in Amerika wurde über diese Dinge nicht mehr gesprochen. "Wir zögerten zu fragen, und von selbst erzählte er nichts" - so Begleys Sohn in der Zeitschrift The rige überraschend ein Holocaust Buch vor, seinen ersten Roman. Es erschien 1991 in Amerika, stieß sofort auf begeisterten Beifall, erhielt Preise und wurde von der New York Times als eines der zehn besten Bücher des Jahres empfohlen. Es erscheint jetzt auf deutsch in einer sehr guten, verläßlichen und flüssigen Übersetzung.

Es ist die Geschichte eines verwöhnten, nervösen Jungen, Maciek, der als einziges Kind in einer wohlhabenden jüdischen Familie aufwächst. Sein Vater ist Arzt, die Großeltern Großgrundbesitzer. Die Mutter ist tot, die unverheiratete Tante Tanja übernimmt bei dem Jungen die Mutterstelle. Nach dem Einmarsch der Deutschen muß der Vater mit der russischen Armee und anderen polnischen Offizieren nach Rußland abziehen. Der Großvater geht nach Warschau, denn er rechnet mit Anonymität in der Hauptstadt - eine Rechnung, die nicht aufgeht. Getrennt vom Rest der Familie, schlagen sich Tanja und Maciek, ähnlich wie Begley und seine Mutter, durch die Kriegsjahre, mit falschen Papieren und verschiedenen Namen, in Großstädten, Kleinstädtern und entlegenen Dörfern. Sie überleben den Krieg, und der Vater: kehrt heim. Doch hinterläßt gerade dieser scheinbar versöhnliche Schluß ein Gefühl von großer Leere und großen Verlusten.

"Lügen in Zeiten des Krieges" ist nicht nur ein Buch über verfolgte Juden, es ist ebenso ein Buch über Polen in den Kriegsjahren. Doch die Proportionen des Geschehens sind verschoben, denn die Perspektive ist durchweg die des Kindes. Die Deutschen erstarren zu einer Masse identitätsloser Unterdrücker - mit Ausnahme eines "guten" Deutschen, mit dem Tanja kurze Zeit ein Verhältnis hat , während die Polen vielschichtig und scharf individualisiert auftreten. Der Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943 wird lediglich auf einer Seite abgehandelt, denn Maciek beobachtet ihn nur von Ferne, in der Gesellschaft von katholischen Polen, die die Zerstörung des Ghettos und seiner Einwohner nicht ohne Genugtuung wahrnehmen.

Der Warschauer Volksaufstand hingegen, der ein Jahr später stattfand (sowohl der SuhrkampKlappentext von Begleys Buch wie der deutsche Bundespräsident haben die beiden peinlicherweise verwechselt), wird mit einer Eindringlichkeit beschrieben, die wohl zu den unvergeßlichsten Passagen des Buches gehört. Denn hier ist Maciek selbst betroffen und fällt mit seiner Tante fast den Racheaktionen der Nazis anheim. Die schlimmsten Greuel, die vor Macieks Augen stattfinden, werden nicht an Juden, sondern an katholischen Polen verübt, und zwar von Ukrainern unter deutscher Aufsicht und mit deutschem Beistand. Um dem Transport, der die Aufständischen nach Auschwitz verfrachtet, zu entkommen, muß Tanja einen Deutschen nicht etwa davon überzeugen, daß sie keine Jüdin, sondern auch, daß sie keine Warschauerin sei, eine der vielen ironischen Pointen, die in Begleys nüchterner Prosa unbetont die Wachsamkeit seiner Leser erproben Solch traurige Ironien enthält auch die psychologische Entwicklung oder Fehlentwicklung des Kindes. Dadurch, daß Maciek seine Identität verstecken muß und seinen Namen oft wechselt, gewinnt das Lügen und Betrügen für ihn eine wachsende Normalität, auch da, wo er es nicht nötig hat. Sein beschnittener Penis kann ihn jederzeit verraten und verunsichert ihn Ähnlich erging es Perels, dem "Hitlerjungen Salomon", der in dem umstrittenen Film dieses Namens hauptsächlich damit beschäftigt ist, seine Beschneidung zu verheimlichen. Durch die Umstände gezwungen, am katholischen Religionsunterricht teilzunehmen, peinigt Maciek die Angst vor der Hölle, denn der Priester stellt die Juden als die in alle Ewigkeit Verdammten dar. Begley verbindet diese ganz persönlichen Entwicklungsschwierigkeiten eines unterprivilegierten und ausgegrenzten Kindes mit den Tragödien in der Familie - zum Beispiel der Erschießung von Großmutter und Großvater und den politischen Ereignissen.

Das Buch ist als Ich Erzählung konzipiert. Ein fiktiver Erzähler führt es ein. Er ist irgendein Vermittler von Literatur, ein Lektor oder Professor für Komparatistik. Sonst bleibt er im Schatten, und wir erfahren nur, daß ihn eine Vorliebe für die Lektüre klassischer Texte auszeichnet. Vor allem Vergils Aeneas, Überlebender eines Genozids, und Dantes Inferno haben es ihm angetan. Dieser Mann erzählt seine Kindheit. Sein erwachsenes Ich taucht mehrmals im Roman auf und jedesmal als Leser und Interpret von Texten. Damit betont er den literarischen Anspruch eines Buchs, das nicht nur als Dokument, sondern auch wegen der allgemeingültigen Fragen, die es stellt, gelesen werden will.

Dante ist der Dichter vieler anspruchsvoller Holocaust Autoren. Primo Levi findet, als er einem französischen Häftling Dantesche Verse aufsagt, in einem kurzen Moment der Euphorie in Auschwitz den Weg zu seiner eigenen Identität. Peter Weiss hat sein Auschwitz Stück "Die Ermittlung" in Cantos ä la Dante organisiert, und nun läßt Begley seinen Erzähler Fragen über Mitleid und Widerstand an Dante richten: "Und wo ist Maciek jetzt? Er wurde allmählich lästig und ist langsam gestorben. An seine Stelle ist nun ein Mann getreten, der einen der Namen trägt, die Maciek gebraucht hat. Ist noch etwas von Maciek in dem Mann? Nein, nichts: Maciek war ein Kind, und unser Mann hat eine Kindheit, die zu erinnern er nicht ertragen kann; er hatte sich seine Kindheit erfinden müssen Das ist das Paradox dieses Romans, dessen fiktive Elemente die Unerträglichkeit überwinden und dem Gedächtnis einen Weg zum Ausdruck bahnen.

Inzwischen hat Begley zwei weitere Romane verfaßt. In beiden tritt ein Erzähler auf, der vom Tod eines Freundes berichtet. In "The Man Who Was Late" erzählt ein gebildeter alteingesessener Amerikaner vom Selbstmord eines jüdischen Flüchtlings aus Ungarn, der in Amerika ein erfolgreicher und wohlhabender Bankier wurde, aber schließlich an seinen innerlichen Defiziten zugrunde geht. Das letzte Buch, "As Max Saw It", handelt von einem homosexuellen Paar, in dem einer der Partner an Aids stirbt. Die Ausgrabung der verschütteten Kindheit und ihre Verwertung in einer "Erfindung" hat offensichtlich einen erstklassigen Romancier zutage gebracht, der das Zeug dazu hat, noch weiteren Wirklichkeiten Sinn zu geben, das heißt, sie zu "erfinden".

Aus dem Amerikanischen von Christa Krüger; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994; 223 S, 36 DM