Der Wahlkampf ist fast vorüber, sein großes Thema hat er nicht gefunden. Die ZEIT sprach mit Repräsentanten sozialer Organisationen und engagierten Fachleuten. Wir wollten wissen: Kam das Thema soziale Gerechtigkeit zu kurz? Welche Erwartungen richten sie an die Sozialpolitik der nächsten Bundesregierung?

Dieter Sengling

Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtverbandes

Weder Arbeitslosigkeit und Armut noch Wohnungsnot und die schwierige Lage vieler Familien wurden überzeugend diskutiert und Perspektiven sichtbar gemacht. Das gilt weitgehend für alle Parteien. Vorrangig ging es darum, im Parteienstreit untereinander zu polarisieren – ich erinnere an die Mißbrauchsdebatte in der Sozialhilfe und an den Vorwurf, viele Menschen seien ganz einfach zu bequem und zu faul. Die nächste Bundesregierung muß zur Kenntnis nehmen, daß das System der sozialen Sicherung den strukturell begründeten Problemen nicht hinreichend standzuhalten vermag. Die konzeptionslosen Sparbeschlüsse der vergangenen Zeit trugen dazu bei, diese Situation zu verschärfen. Die Ausgrenzung aus dem Arbeitsförderungsgesetz und daraus folgende zusätzliche Belastungen der Sozialhilfe müssen gestoppt, die Renten mittel- und langfristig gesichert werden. Der Familienlastenausgleich sollte endlich erfolgen, der soziale Wohnungsbau muß forciert werden. Die entscheidende Herausforderung wird die sozial verträgliche Verteilung der Arbeit sein. Eine royal commission sollte unter einem klaren politischen Bekenntnis zum Sozialstaatsgebot Vorschläge für eine grundlegende Reform des Systems der sozialen Sicherung erarbeiten.

Rupert Neudeck

Vorsitzender des Notärztekomitees Cap Anamur

Wer weiß denn noch, was es für eine Rentnerin bedeutet, zwölf Mark für eine Kinokarte auszugeben oder fünf Mark für eine S-Bahn-Fahrt von Troisdorf (wo ich wohne) nach Köln Hauptbahnhof? Der Bundeskanzler, ein Abgeordneter?