Von Christian Wernicke

Mal ehrlich: Kennen Sie Uwe Holtz? Aus dem Fernsehen jedenfalls kaum. Auf der Mattscheibe war der fünfzigjährige Bundestagsabgeordnete aus dem Landkreis Mettmann zuletzt so richtig vor sechzehn Jahren präsent. Damals, im September 1978, geriet der Sozialdemokrat als vermeintlicher Ostspion ins Gerede. Die Vorwürfe entpuppten sich als haltlos, Holtz wurde voll und ganz rehabilitiert. Bis heute sitzt er, so eifrig wie unbemerkt, im Bundestag.

Anfangs hatten Holtz viele einen steilen Aufstieg prophezeit. 1974 wurde der Jungsozialist – mit gerade mal 28 – zum jüngsten Vorsitzenden eines Bundestagsausschusses gekürt. Doch der Vorsitzende des AwZ, des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit, beging einen Fehler: Er nahm die Entwicklungspolitik ernst. Und damit macht am Rhein niemand Furore.

Holtz blieb, was er war, und bekam allmählich graue Haare. Jetzt hört er auf. Ohne Schlagzeilen, auch die hat er in 22 Jahren nur selten produziert. Dem Aussteiger kommt beim Aufräumen seines Abgeordnetenbüros der Disput mit Herbert Wehner in den Sinn. Das war, nachdem der junge Parlamentarier 1975 den Kanzler Schmidt öffentlich wegen geplanter Kürzungen der Entwicklungshilfe attackierte: Eine Politik, die sich "nur am Hier und Heute und an kurzsichtigen nationalen Interessen" orientiere, sei gefährlich. Wehner mahnte daraufhin zur Disziplin und versprach handschriftlich mehr Nord-Süd-Politik für später: "Deine Besorgnisse werden nicht in den Wind gesprochen bleiben." Hat sich seither etwas geändert am Schattendasein der Entwicklungspolitik? Holtz muß lächeln: "Nicht sehr viel."

I.

Warum spielt Entwicklungspolitik in Bonn keine Rolle? Warum vertagen Parlament wie Regierung "dieses Zukunftsthema" so gern auf übermorgen? "Weil die Politik immer erst eine Minute vor – oder nach – zwölf reagiert", sagt Holtz lakonisch. Gleiches gelte für die Medien: Veranstaltungen über das wachsende Elend oder die Not der Flüchtlinge verhallen ohne Echo; entwicklungspolitische Debatten spätabends im Bundeshaus oder Pressekonferenzen über die karge "Hilfe zur Selbsthilfe" nimmt meist nur eine kleine Schar von Fachjournalisten wahr. Die Prominenz berät anderes, anderswo. "Die Mächtigen in Bonn", meint Holtz, "haben die Entwicklungspolitik nie zu ihrer Sache gemacht."

Manchmal meldet sich das Gewissen, wenn die Sachzwänge schweigen – nach dem Rücktritt. Dann wird die Entwicklungspolitik zum Thema der großen, alten Männer. Als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission erwarb sich Willy Brandt weltweit Respekt. Brandt ahnte, daß die Deutschen nach dem Fall der Berliner Mauer der Nabelschau verfallen würden. Deshalb erwog er im kleinen Kreis die Idee, die deutsche Entwicklungshilfe direkt an die Aufbauleistungen für die ehemalige DDR zu koppeln: Für jede Mark in die neuen Bundesländer sollten zwanzig Pfennig in den Neuaufbau Osteuropas und wenigstens fünf zusätzliche Solidarpfennige in die Länder der Dritten Welt fließen. Das hätte den Nord-Süd-Topf im Bundeshaushalt um acht auf etwa sechzehn MilliardenMark verdoppelt.