Von Helmut Buchholz

An einem schönen Septembermorgen des Jahres 1824 verließ der junge Dichter Heinrich Heine, nebenbei und eher lustlos Student der Jurisprudenz zu Göttingen, die Stadt durchs Weedner Tor zu Fuß in Richtung Norden. Das Leben in der Provinz des „gelehrten Kuhstalls“ Göttingen war ihm unerträglich geworden; und so lief er einfach davon. Das Ziel der Reise war indes nicht ein fernes Arkadien, sondern der nahe gelegene Harz.

Im Harzstädtchen Osterode, das nach einem Zwischenstopp in Northeim auch Heines erstes Ziel gewesen war, beginnt 170 Jahre später die Wanderung auf den Spuren des Poeten. Osterode zeigt sich trotz wechselvoller Geschichte in nostalgischer Fachwerkpracht; die verbundgepflasterte Fußgängerzone ist nach Geschäftsschluß mausetot, doch tagsüber boomt es in den Gassen. Das Haus am Marktplatz, in dem Heine „müde wie ein Hund“ zu Bett sank, steht noch immer. Heute befindet sich darin eine Ladengalerie, deren postmoderne Scheußlichkeit wegen der original erhaltenen Fassade kaum ins Gewicht fällt.

Der Zugang zur Burg, die schon weiland „nur noch aus der Hälfte eines großen dickmaurigen, wie von Krebsschäden angefressenen Turms“ bestand, ist wegen totaler Baufälligkeit leider gesperrt. Heines Blick auf die „roten Dächer“ der wie eine „Moosrose“ von grünen Wäldern umgebenen Stadt ist indessen noch immer ohne gravierenden Substanzverlust nachvollziehbar.

Auch die alte Harzstraße, auf der er in Richtung Clausthal den Ort verließ, existiert noch als heute kaum befahrener Nebenweg. Freilich ohne jenen wandernden Schneidergesellen, dem sich der angehende Jurist – offenbar mit einer ausgeprägten Neigung zur Camouflage ausgestattet – als Geschäftsträger des türkischen Sultans vorstellte, und zwar mit dem Auftrag, im Lande Rekruten zu werben. Wie sich nach dem Erscheinen der „Harzreise“ herausstellte, war jener Schneidergeselle allerdings auch nicht, was er zu sein vorgab, sondern ein Geschäftsreisender in weinlauniger Stimmung. Immerhin verdanken wir jenem Weggenossen eine recht plastische Personenbeschreibung des wandernden Dichters: „Er war etwa 5 Fuß 6 Zoll groß, konnte 25-27 Jahre alt sein, hatte blonde Haare, blaue Augen, eine einnehmende Gesichtsbildung, war schlank von Gestalt, trug einen braunen Überrock, gelbe Pantalons, gestreifte Weste, schwarzes Halstuch und hatte eine grüne Kappe auf dem Kopfe und einen Tornister von grüner Wachsleinwand auf dem Rücken.“ Als dergestalt bunte Erscheinung befand sich Heine also auf dem Weg ins eine halbe Tagesreise entfernte Clausthal.

Auf der Bundesstraße 241 beträgt die Entfernung heute lächerliche fünfzehn Kilometer; doch dieser Maßstab gilt für den Fußreisenden nicht. Da sind Steigungen auf immer noch schmalen Pfaden zu überwinden und Täler zu durchschreiten; es geht durch dunkle Waldstücke und über lichte, sonnenverbrannte Wiesen. Reiseeindrücke wie vor 170 Jahren: „Die Berge wurden steiler, die Tannenwälder wogten unten wie ein grünes Meer, und am blauen Himmel oben schifften die weißen Wolken.“ Soweit der romantische Blick. Tausend Jahre Harzer Bergbau hatten schon damals längst ihre Spuren hinterlassen; die ursprünglichen Mischwälder waren alle abgeholzt; und für den riesigen Bedarf im Bergbau und bei der Erzverhüttung wurden Monokulturen schnell wachsender Tannenbäume angelegt. Das ist bis heute so geblieben.

Am Weg liegen die Ortschaften Lerbach und Buntenbock, die erste mit exzellenter Hotellerie, die andere mit einer wenig attraktiven Mischung aus Sanatoriumsbetrieb und monopolistisch-unverschämter Gastronomie. Der Pfad endet schließlich an der Clausthal-Zellerfeld durchquerenden Hauptstraße. Auch heute noch ist es so, daß man die Stadt wegen ihrer Tallage „nicht früher erblickt, als bis man davor steht“.