Von Hans Otto Eglau

Tyll Necker nahm die Sache von der positiven Seite: „Wann gab es das schon einmal, daß wir zwei gleich qualifizierte Kandidaten zur Auswahl hatten?“ Doch wird es nicht sein Favorit sein, der ihn Anfang kommenden Jahres als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) ablösen soll: Anstelle des von Necker im Juli zur Kandidatur überredeten 61jährigen Vorstandsvorsitzenden der Hamburger Holsten-Brauerei, Klaus Asche, soll der sieben Jahre jüngere IBM-Manager Hans-Olaf Henkel die deutsche Industrie repräsentieren.

Necker dürfte sich das Finale seiner über sechsjährigen Amtszeit (nur Fritz Berg war länger an der BDI-Spitze) überzeugender gewünscht haben. Dabei hatten die Verbandspräsidenten eigens eine sechsköpfige „Findungskommission“ eingesetzt, um den Amtswechsel möglichst geräuschlos vorzubereiten. Letztlich blieb die undankbare Aufgabe, einen vorzeigbaren Bewerber für das zeitaufwendige Ehrenamt zu keilen, bei Necker, ebenfalls Mitglied des Suchtrupps, allein hängen. Im Visier war ein Kandidat, der bereit war, „fünfzig bis sechzig Stunden die Woche für den BDI freizumachen und gleichzeitig sein Unternehmen erfolgreich zu führen“, so der scheidende Präsident.

Der Geschäftsführer und Gesellschafter der auf Betriebsreinigungsmaschinen spezialisierten HAKO-Werke in Bad Oldesloh weiß um diese „Quadratur des Kreises“ (Necker) aus eigener leidvoller Erfahrung. Vor allem unmittelbar nach der Wende kam der Familienunternehmer kaum noch an seinen Schreibtisch. In Talk-Shows, Interviews und Vorträgen, sogar am Sonntag morgen im DDR-Fernsehen, verkündete er die Segnungen der Marktwirtschaft. Als sein Amtsnachfolger Heinrich Weiss nach heftigen Querelen mit BDI-Hauptgeschäftsführer Ludwig-Georg von Wartenberg vor zwei Jahren unter spektakulären Umständen zurücktrat, sprang der konziliante Mittelständler noch einmal ein – als Nachfolger seines Nachfolgers.

So viel Verbandsengagement suchte Necker bei seinen Bemühungen um einen Nachfolger vergeblich. Der schwäbische Werkzeugmaschinenunternehmer Berthold Leibinger, ein Mann mit großer Verbandserfahrung („Ich hätte es gern gemacht“), winkte schon früh ab. Er wird in seiner Firma gebraucht. Persönliche Gründe machte der frühere BMW-Vorstandschef Eberhard von Kuenheim für seine Ablehnung geltend. Nachdem er sieht noch weitere Körbe geholt hatte, konnte Necker mit Klaus Asche schließlich doch noch den ersehnten Kandidaten präsentieren. Wider Erwarten sah sich Necker wenig später sogar in der Lage, der Findungskommission noch einen zweiten Aspiranten vorzustellen: Hans-Olaf Henkel. Zwar hatten die BDI-Oberen, so ihr Präsident, schon früher einmal „an Henkel gedacht“, seine Nominierung jedoch als „platonischen Gedanken“ schnell wieder verworfen. Immerhin stand der Computer-Manager in den Diensten eines US-Konzerns und war somit als oberster Repräsentant der deutschen Industrie unvorstellbar. Inzwischen war allerdings eine neue Lage entstanden: Streng vertraulich setzte Henkel die Kölner Königsmacher davon in Kenntnis, daß er in Kürze als Chef von IBM Europa zurücktreten werde. Dennoch entschied sich die Kommission einstimmig für den von Necker favorisierten Asche.

Anders sahen es die sieben Vizepräsidenten, die Anfang vergangener Woche über einen offiziellen Wahlvorschlag an die am 28. November stattfindende Mitgliederversammlung zu entscheiden hatten. Während sich Necker noch vehement für Asche in die Bresche warf und zwei weitere Mitglieder, so ein Teilnehmer, „anfänglich noch wackelten“, sprachen sich vor allem die Vertreter der großen Mitgliedsverbände eindeutig für Henkel aus. Ein im weltweiten Wettbewerb erprobter Manager, so ihr Argument, könne die in einen globalen Konkurrenzkampf verwickelte deutsche Industrie wesentlich wirksamer vertreten als der Repräsentant eines international kaum geforderten „Randbereichs“ wie der Brauwirtschaft. Überdies sei von dem parteilosen Henkel, so kalkulierten die Präsidenten insgeheim, mehr Distanz zum Kanzleramt zu erwarten als unter dem CDU-Mann Asche.

Durch Necker telephonisch von der unerwarteten Wende im Kandidatenspiel informiert, zog der Biermanager seine Kandidatur wieder zurück – der Weg für Henkel war frei. Zwar sind Weitläufigkeit, politisches Gespür und Eloquenz des künftigen BDI -Chefs auch bei den – vornehmlich kleineren Mitgliedsverbänden – unumstritten. Die hätten anstelle des aus der Tagesarbeit ausgestiegenen Multi-Statthalters lieber einen aktiven, vorzugsweise mittelständischen Unternehmer gekürt – doch warten auf den gebürtigen Hamburger vor allem Aufgaben, die eher beharrliches Wirken hinter den Kulissen als große Auftritte auf offener Bühne verlangen.