Von Gisela Dachs

Die Bergfestung Masada liegt 400 Meter über dem Toten Meer. Mit der Seilbahn erreicht man in zwei Minuten das Felsplateau, auf dem König Herodes in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. eine Festungsanlage erbauen ließ, als Winterpalast und Refugium vor feindlichen Angriffen. Nach dem Fall von Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. war dies der letzte Stützpunkt der Juden im Krieg gegen Rom. Dort leisteten 950 jüdische Patrioten drei Jahre lang erbitterten Widerstand und begingen schließlich kollektiven Selbstmord, um sich den römischen Legionären nicht ergeben zu müssen.

Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der diesen heroischen Kampf beschrieb und nach seiner Gefangenschaft zu den Römern überlief, war selbst kein Augenzeuge. Er stützte sich auf die Erzählung von sieben Überlebenden, Frauen und Kindern, die sich versteckt hatten. Zwanzig Seiten sind in seinem Buch "Der jüdische Krieg" der Geschichte von Masada gewidmet. Archäologen haben sich seither immer wieder bemüht, die Glaubhaftigkeit seines Werkes, die einzige zeitgenössische historiographische Quelle, zu bestätigen.

In den zwanziger Jahren wurde die Geschichte populär, zu einer Zeit, als von Juden Opferbereitschaft verlangt wurde, um für ein künftiges Israel zu kämpfen. Zwar wird in der Bibel Masada überhaupt nicht erwähnt. Dies tat dem Mythos von Masada jedoch keinen Abbruch. Nach Auschwitz und der Staatsgründung 1948 symbolisierte der Mythos Zusammenhalt, das Überleben des Judentums und die sich fortsetzende Belagerung durch arabische Feinde. Ganz Israel war ein neues Masada. Bis 1967 kletterten die israelischen Soldaten auf die Bergfestung, um dort einen Eid zu leisten mit den Worten: "Masada wird kein zweites Mal fallen." Seit 1985 finden jedoch dort gar keine militärischen Zeremonien mehr statt.

In den sechziger Jahren wurde Masada in einer spektakulären Ausgrabungsaktion unter Leitung des israelischen Generals und Archäologen Yigal Yadin freigelegt. Zum Teil nie gezeigte Funde wurden in diesem Sommer erstmals auf einer Ausstellung mit dem Titel "Die Geschichte von Masada" im Tel Aviver Kunstmuseum präsentiert: Mantelfetzen, Gürtelschnallen, Sandalen der jüdischen Rebellen, die detaillierte Lohnabrechnung eines römischen Soldaten, medizinische Geräte der Legionsärzte sowie Gefäßscherben mit Namensinschriften und zahlreichen Schriftrollen. Doch die sehr sachliche archäologische Ausstellung, die demnächst im New Yorker Jüdischen Museum und später auch in Deutschland gezeigt werden soll, stieß in Israel auf Kritik. Denn sie ignorierte die übliche Mythisierung von Masada. Seither wird in Israel über Masada gestritten.

Die Kuratorin der Ausstellung, Gila Hurvitz, betont, sie habe Wert darauf gelegt, Archäologie und Mythos voneinander zu trennen. Außerdem habe sie sich nicht gescheut, an manchen Stellen Fragezeichen anzubringen. "Josephus erzählt uns nicht viel über den damaligen Alltag, etwa über Essensgewohnheiten. Da können wir nur vermuten, assoziieren." Es gebe auch keine Beweise für den kollektiven Selbstmord. Solche Ereignisse seien allerdings zu dieser Zeit keine Ausnahme gewesen, erklärt Gila Hurvitz: "Und warum sollte Josephus so etwas erfinden? Es hat der Erzählung keinerlei Ruhm hinzugefügt. Wir haben die Geschichte, aber nicht die Leichen."

Bei den Ausgrabungen wurden 24 Skelette gefunden, mehr nicht. Yigal Yadin hatte es für möglich gehalten, daß diese Menschen zu den letzten Verteidigern der Festung gehörten. Gila Hurvitz nimmt den Archäologen in Schutz gegen den Vorwurf, er habe wesentlich zur Mythologisierung von Masada beigetragen. Sie weist darauf hin, daß ihr Lehrer Yigal Yadin mit Behauptungen stets vorsichtig umgegangen sei. In seinem Bericht stellte er damals beispielsweise die Frage: "Sollten wir wirklich jene Ostraka, jene Tonscheiben gefunden haben, die sie zum Losen benutzt hatten? Das werden wir kaum je mit Sicherheit erfahren." Was dem populären israelischen Archäologen nur als eine Möglichkeit erschien, ging jedoch in die öffentliche Meinung als Tatsache ein. In diesem Fall geht es um jene Scherben, auf denen Männernamen eingraviert sind, unter anderem der Name von Ben Yair, dem Rebellenführer. Flavius Josephus berichtet von dessen flammender Rede: "Nachdem Eleazar Ben Yair seine Mitkämpfer überzeugt hatte, es sei besser, in Freiheit zu sterben, als von den Römern erschlagen oder gefangengenommen zu werden, töteten die Männer ihre Frauen und Kinder, die mit in der Festung waren. Dann wählten sie durch Los zehn Männer aus ihrer Mitte; sie sollten die Mörder aller anderen sein."