Europa oder Ethik: Werden wir jetzt vor diese Wahl gestellt? Fast scheint es so, hört man die aufgeregten Stimmen zum Entwurf einer Bioethik-Konvention des Europarates. Wie rasch doch in der deutschen Erregung die Begriffe verrutschen: Debattiert wird im Europarat – und nicht, wie Focus schrieb, in der Europäischen Union. Gegenstand ist eine Übereinkunft, nicht aber ein Gesetz, das angeblich nationale Parlamente entmündigt. Und Anliegen ist ein Mindeststandard für 32 Mitgliedsländer, von denen die meisten sich auf dem empfindlichen Feld zwischen Forschung und Ethik noch ohne eigene Gesetze bewegen. Schon jetzt, lange vor der abschließenden Beratung, hat Deutschland manchen Partner für seine Maßstäbe gewinnen können.

Wer behauptet, dieser Entwurf erlaube einen Eingriff in das Erbgut oder degradiere Behinderte zu Versuchsobjekten der Wissenschaft, der kann die 34 Artikel nicht gelesen, die nachdenklichen Erläuterungen der Arbeitsgruppe nicht studiert haben. Eingriffe in die Keimbahn werden expressis verbis verboten, nirgendwo darf die Grenze zur Menschenzüchtung überschritten werden. Gewiß, ob Embryonenforschung in vitro bis zum 14. Tag erlaubt sein soll, überläßt der Entwurf dem nationalen Gesetzgeber. Hierzulande ist das verboten; die Briten vor allem halten es da anders, haben sich aber mit ihrer Auffassung noch längst nicht durchgesetzt.

Von incapacitated persons spricht Artikel 6 und warnt, diesen englischen Rechtsbegriff einfach mit „Behinderte“ einzudeutschen. Gleichviel, an ihnen sind Eingriffe ohne therapeutischen Nutzen untersagt. Wo der nationale Gesetzgeber – und nicht etwa „Europa“ – dennoch eine Ausnahme machen will, müssen das geringste Risiko und eine minimale Belastung für den Behandelten garantiert bleiben. Überhaupt rückt der Entwurf die Rechte und Würde der Menschen, der Patienten, an vorderste Stelle und nicht etwa Forscherdrang oder Interesse der Gesellschaft.

Warum also die Aufregung? In Wahlzeiten läßt sich auf Europa eben leicht schimpfen. Aber da ist noch mehr, ein tiefes, verständliches Mißtrauen in eine Wissenschaft, die immer energischer nach ersten und letzten Dingen greift. Dieses Mißtrauen mag hierzulande besonders ausgeprägt sein. Ein exklusiver deutscher Vorzug aber ist es nicht: Das haben die Kritiker dieses meist strengen Bioethik-Entwurfs im blinden Eifer übersehen. Joachim Fritz-Vannahme