Von Wolfgang Köhler

Lukas Mühlemann fackelte nicht lange. Erst Anfang September übernahm der bisherige McKinsey-Berater bei der Schweizerischen Rückversicherungsgesellschaft AG den Chefsessel. Vier Wochen später hatte er sein neues Konzept für den zweitgrößten Rückversicherungskonzern der Welt schon in die Tat umgesetzt und dessen Geschäftsvolumen um die Hälfte reduziert. Am 30. September verkündete er die bisher größten Transaktionen in der europäischen Versicherungswirtschaft. Alle größeren Tochtergesellschaften, die das Erstversicherungsgeschäft betreiben und mit ihren Policen bislang knapp fünfzig Prozent zum Beitragsaufkommen des Konzerns beitrugen, werden verkauft. Das Unternehmen will künftig als reiner Rückversicherer – als Versicherung der Versicherungen – mehr Geld verdienen und schneller wachsen.

Damit zwingt Mühlemann die Schweizer Rück zu einer radikalen Kehrtwende. Über Jahrzehnte hatte sie ihr wachsendes Geschäftsvolumen in der Erstversicherung der Öffentlichkeit verschwiegen. Nach dem "schlechtesten Rückversicherungsergebnis seit (dem großen Erdbeben von) San Francisco" verkündete Mühlemanns Vorgänger Walter Diehl 1986 die gezielte Expansion ins direkte Versicherungsgeschäft, um damit die heftigen Ergebnisschwankungen aus der Rückversicherung besser ausgleichen zu können. Für den Ausbau dieses Bereichs holte auch Diehl mit Werner G. Seifert seinerzeit einen McKinsey-Mann, der mit zahlreichen Experimenten allerdings viel Geld verpulverte. Heute leitet Seifert die Deutsche Börsen AG als deren Vorstandsvorsitzender.

Lukas Mühlemann glaubt heute: "Mit den Gesellschaften, die wir haben, lassen sich die vor knapp zehn Jahren gehegten Erwartungen nicht erfüllen." Obwohl sich die Schweizer seither in zahlreichen Ländern eingekauft haben, erreichten sie – mit Ausnahme der deutschen privaten Krankenversicherung – nirgendwo eine starke Marktposition. Überdies kosteten Affären wie bei der später stillgelegten Schweiz Versicherung und die verfehlte Geschäftspolitik wie bei den spanischen Töchtern viel Geld. Allein bei der Schweiz Seguros in Barcelona mußte die Muttergesellschaft 1993 Verluste in Höhe von 480 Millionen Franken ausgleichen. Auf dem Rückversicherungsmarkt verspricht sich Mühlemann derzeit lukrativere Geschäfte und größere Wachstumschancen.

Der Ausverkauf bei den Schweizern kam den Konkurrenten gerade recht. Europas größter Versicherungskonzern, die Allianz Versicherung, sicherte sich dabei den Löwenanteil. In ihrer bislang größten Firmenakquisition übernehmen die Münchner für "deutlich mehr als fünf Milliarden Mark" die Vereinten/Magdeburger Versicherungen (Bruttobeitragseinnahmen 1993: 6,9 Milliarden Mark) in Deutschland, die Elvia Versicherungen (2,6 Milliarden Schweizer Franken) in der Schweiz und den Lloyd Adriatico (1,6 Milliarden Franken) in Italien.

Für Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle sind vor allem die Elvia Versicherungen reizvoll. Damit glückt ihm, was seinem Vorgänger Wolfgang Schieren verwehrt blieb: der Eintritt in den Schweizer Versicherungsmarkt. Für den Zukauf des schwersten Brockens, der erst zu Jahresbeginn unter dem Dach der Vereinten Holding fusionierten Magdeburger und Vereinten Versicherungen, hält Schulte-Noelle dagegen eine Entschuldigung parat: Elvia und Lloyd Adriatico sind nur im Paket mit den deutschen Gesellschaften zu haben gewesen. Dabei dürfte allen Beteiligten von Anfang an klar gewesen sein, daß das Bundeskartellamt diesen Teil des Coups besonders genau unter die Lupe nehmen wird. Ein Behördensprecher bezeichnete die Übernahme der Vereinten Versicherungen durch den Marktführer sogleich als "äußerst kritisch".

Ins Gewicht fällt dabei vor allem die Vereinte Krankenversicherung, die mit Beitragseinnahmen von 3,7 Milliarden Mark und einem Marktanteil von 14,6 Prozent dem Branchenprimus Deutsche Krankenversicherung (Beitragseinnahmen 1993: 4,4 Milliarden Mark, Marktanteil 17,4 Prozent) dicht auf den Fersen ist. Und die DKV gehört schon zum Allianz-Konzern.