Von Christoph Dieckmann

Erfurt

Iß hübsch deinen Teller leer, das Kompott kommt hinterher. Wie wir mit Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel in der Schnapsbude endeten, das sei erst nach getaner Politik erzählt, wenn der gebotene Ernst uns wieder verlassen muß. Fast tut er’s schon hier, im Volkshaus zu Weimar, wo vierhundert Bürger belauschen, was Oskar Lafontaine unter Wahlkampf versteht: ein rabiates Stakkato wider das regierende Bonn, von out of area und Waffenexport über Wohnungsbau bis Energiepolitik. Betreten Sie mit mir die Brücke ins Solarzeitalter! so ruft der Enthemmte in die fragenden Gesichter. Was ist der Unterschied zwischen Kohl und einer Telephonzelle? – In der Telephonzelle zahlen Sie zuerst! – Haha. Thüringer Humor geht anders.

Auch Gerd Schuchardt hat geredet, der Thüringer SPD-Spitzenkandidat. Die CDU-Regierung hat versagt, so sprach er, bedächtig und in rechten Winkeln, immer sachlich, ohne sinnlose Gags, wie man es im Osten liebt: Die FDP ist der getreue Hilfsmotor am lecken Schiff. Die Grünen überziehen ihre Forderungen. Die umbenannte SED ist für niemanden koalitionsfähig. Noch ein Wort unseres unvergessenen Willy Brandt...

Nein, über Schuchardt wacht keiner der vielen Bodyguards hinter den Säulen. Niemand bittet ihn ums Autogramm. Sein lokaler Parteifreund, Kandidat Edelbert Richter: Wenn wir hier allein ’ne SPD-Veranstaltung machen, kommt keiner, und bei Lafontaine sitzen wir auf dem Podium als Blumenpötte. – Indessen empfängt der Stargast seinen Preis: drei Flaschen Saale-Unstrut-Wein. Vielen Dank! ruft Lafontaine. Es ist schon so: Nach getaner Arbeit pflegen wir an der Saar einen zu heben oder so, denn wer das Leben nicht bejaht, kann auch keine gute Politik machen. Wählen Sie einen Thüringer! Wählen Sie Gerd Schuchardt!

Der sitzt, erschöpft vom Tage, im Hinterstübchen vor einem kleinen Pils, hütet aber, wenn er redet, jedes Wort. Dreimal sagt er: Die SED, die sich jetzt PDS nennt... Keinerlei Zusammenarbeit! Gespaltene Meinung in Thüringens SPD zum Magdeburger Experiment des Kollegen Höppner. Sehr optimistisch für die Landtagswahl am 16. Oktober.

Aber 1990 haben Sie mit 21 Prozent nicht mal die Hälfte der CDU-Stimmen bekommen.