Die eifrigsten Helfer von Kanzler Helmut Kohl im Wahlkampf kleben keine Plakate und sitzen auch nicht in den Studios privater oder öffentlich-rechtlicher Fernsehanstalten. Ihr Revier ist das Parkett der Wertpapierbörsen. Seit der Kampf um die Wählerstimmen seine heiße Phase erreicht hat, vergeht kaum ein Tag, an dem Börsianer nicht neue Horrorszenarien für den Fall einer Wahlniederlage Kohls kolportieren. Da prophezeien Börsengurus einen drastischen Kurssturz bei den Aktien ebenso wie einen steilen Anstieg der Zinsen und – nicht zuletzt – einen völligen Rückzug der ausländischen Anleger vom deutschen Kapitalmarkt.

Doch sind solche Prognosen gerechtfertigt? Ist der Sozialdemokrat Rudolf Scharping, selbst an der Spitze einer rotgrünen Koalition, der leibhaftige Gottseibeiuns, der die Wirtschaft in den Abgrund führt? Der Kandidat und auch das sozialdemokratische Wahlprogramm sind doch wohl keine hinreichenden Begründungen für derartige Schreckensbilder. Und ist es nicht erst ein knappes Jahr her, daß sich Spitzenvertreter der Wirtschaft massiv über die Wirtschaftspolitik der gegenwärtigen Bundesregierung beklagt haben? Keine Regierung hat einen solchen Schuldenberg aufgetürmt wie die derzeitig amtierende; auch die deutsche Einheit kann nicht für die Staatsverschuldung in diesem Ausmaß herhalten. Und zu keiner Amtszeit einer Bundesregierung wurde die Wirtschaft je einem solch massiven Belastungstest unterworfen wie in der jetzt endenden Legislaturperiode. Auch der jüngste starke Anstieg der langfristigen Zinsen, der bereits Gefahren für die konjunkturelle Erholung heraufbeschwört, ist wohl kaum der parlamentarischen Opposition anzulasten.

Niemand wird den Händlern von Aktien und Rentenwerten ihre parteipolitischen Sympathien verübeln; und eine Partei, die der Wirtschaft neue Vergünstigungen verspricht, hat bei ihnen nun einmal die besseren Karten. Doch solche düsteren Visionen, wie sie zur Zeit in Umlauf gesetzt werden, sind ein Spiel mit dem Feuer. Denn die Börsen sind ja nicht eine von der realen Wirtschaft abgekoppelte Spielwiese für Spekulanten, sondern sie erfüllen für die deutsche Volkswirtschaft eine wichtige Funktion. Dort wird über die Konditionen entschieden, zu denen sich die Unternehmen finanzieren können – an den Börsen wird der Preis für den Faktor Kapital festgesetzt.

Besonders gefährlich sind die leichtfertig entworfenen Horrorbilder deshalb, weil an den Börsen nicht nur rein rational agiert wird. Die Kapitalmärkte werden in hohem Maße von Stimmungen beeinflußt. Ist schon die Wirtschaftspolitik nach einer alten Ökonomenweisheit zu fünfzig Prozent Psychologie, so ist für das Geschehen an den Börsen dieser Prozentsatz noch weit höher zu veranschlagen.

Nicht zuletzt wegen des hohen Kapitalbedarfs des Staates, der seine Haushaltslöcher stopfen muß, bleibt die deutsche Wirtschaft auch auf ausländisches Kapital zu tragbaren Zinsen angewiesen. Das wird sich auch nach der Wahl, unabhängig von ihrem Ausgang, nicht so schnell ändern. Mancher ausländische Investor, der selbst nie in ein deutsches Wahlprogramm geschaut hat, kann aber die Stimmungsmache für bare Münze nehmen – dann würden die verantwortungslosen Prophezeiungen zur Realität. Wilfried Herz