Doch sind eine strikte Geldpolitik, die für stabile Preise sorgt, und eine Konjunkturpolitik mit dem Ziel zusätzlicher Beschäftigung wirklich Gegensätze? Zu Recht rüttelt niemand an dem Grundsatz, daß es allererste Aufgabe der Notenbanken ist, für die Stabilität des Geldwertes zu sorgen. Eine inflationäre Geldpolitik könnte bestenfalls kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln. Längerfristig führte sie zur Verringerung der Reallöhne und löste damit Verteilungskämpfe aus, die über kurz oder lang in die Rezession führen. Ein stabiles Preisniveau ist dagegen auch die beste Voraussetzung für niedrige Zinsen. Damit werden Investitionen gefördert – und neue Arbeitsplätze geschaffen.

Ungeachtet des Vorrangs der Inflationsbekämpfung ist es gefährlich, wenn die Notenbanken mit Scheuklappen nur auf das eine Ziel starren. Denn überziehen sie ihre restriktive Geldpolitik, machen sie Wachstumschancen zunichte und beschwören Gefahren für die Beschäftigung herauf. Deshalb ist die Kritik unverständlich, die der Vizepräsident der amerikanischen Notenbank, Alan Blinder, einstecken mußte, als er schon vor ein paar Wochen an das Tabu rührte. Ihn überzeugt die Standarderklärung für die vor allem in Europa seit Jahren steigende Erwerbslosigkeit nicht, wonach schlicht die natürliche Quote der Arbeitslosigkeit heutzutage höher liege – gemeint ist damit die Zahl der Arbeitsuchenden, die auch bei voll laufender Konjunktur keinen Job finden. Mit guten Argumenten hält Blinder dagegen: Was viele als eine höhere natürliche Arbeitslosenquote ansehen, sei in Wirklichkeit zu einem guten Stück konjunkturell bedingt und deshalb von der Wirtschafts-, Finanz- und Geldpolitik auch zu beeinflussen.

Gute Nachrichten kommen manchmal wie bestellt. Bei der Jahrestagung von Währungsfonds und Weltbank in Madrid, die im Zeichen des 50. Geburtstags der Bretton-Woods-Institutionen stand, blickten Zentralbankchefs und Finanzminister zufrieden auf das Konjunkturbild: ein weltweiter Aufschwung, und das vor allem bei weitgehend stabilen Preisen. Ein Miesmacher, wer die stolze Runde daran erinnern wollte, daß die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe verharrt und noch keine Antwort auf das Problem des jobless growth gefunden ist, des Wachstums ohne durchschlagende Beschäftigungseffekte. Selbst Mitglieder des erlauchten Kreises dürfen das nicht wagen, ohne Gefahr zu laufen, daß ihnen die Kollegen gleich das Etikett eines Weichlings in Sachen Inflationsbekämpfung anheften.

Deshalb ist es gefährlich, wenn sich die Notenbanken in ihrer Zinspolitik von teils irrationalen Inflationsbefürchtungen leiten lassen, wie sie jüngst an den Finanzmärkten hochkamen. Treten die Zentralbanker zu schnell und zu heftig auf die Bremse, um die Inflationsgefahren im Keim zu ersticken, könnten sie gerade in Europa die Konjunktur frühzeitig abwürgen. So gibt es allen Grund dafür, daß sich unter der Oberfläche von schulterklopfender Selbstzufriedenheit eine gehörige Portion Zweifel darüber verbirgt, was die Aufgaben der Notenbanken in den nächsten Jahren sein werden. Die Zentralbanken der Industrieländer haben in den achtziger und neunziger Jahren zwar erfolgreich die Inflation unter Kontrolle gebracht, doch das wird in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre schwieriger werden – vor allem wenn die Geldpolitik Rücksicht auf Wachstum und Beschäftigung nehmen soll.

Das hat viele Gründe. Zunächst lassen sich inflationäre Gefahren nicht mehr so einfach identifizieren wie früher. Was einmal als der untrügliche Vorbote der Inflation galt, nämlich übermäßiges Wachstum der Geldmenge, ist eine höchst flatterhafte Größe geworden. Das liegt daran, daß es keine nationalen Schranken mehr für die Bewegungen von Kapitalströmen gibt und auch die früher eindeutig gezogenen Grenzen zwischen Geld und Kapital fließend geworden sind. Dank radikal veränderter Finanzmärkte wird mit einem Druck auf die Computertaste aus direkt nachfragewirksamem Geld, das zur Überhitzung der Konjunktur führen kann, langfristiges Kapital, das die Angebotskräfte stärkt – und umgekehrt. So müssen die Notenbanken ratlos zusehen, wie sich ihre Meßgröße mit aberwitziger Geschwindigkeit verändert, während sie mit einer veralteten Meßlatte herumfuchteln. Der zweite Unsicherheitsfaktor: Die Geldpolitik verliert an Biß und Wirksamkeit. Die Finanzmärkte können den Geldhütern alle erdenklichen Haken schlagen; mit Hilfe der neuen Finanzinstrumente, der sogenannten Derivate, machen sie in Sekundenschnelle aus kurzfristigen Zinsen langfristige oder aus den von der Bundesbank bestimmten kurzfristigen D-Mark-Zinsen solche auf Dollar.

Die größte Herausforderung für eine erfolgreiche Arbeit der Zentralbanken sind allerdings die Defizite in den staatlichen Budgets. Die Siebenergruppe der reichsten Industrieländer sieht hier einen wichtigen Grund für Inflationsängste und für die steigenden langfristigen Zinsen. Wenn der Staat über längere Zeit hinweg hohe Kredite aufnimmt, verdrängt er private Investoren vom Kapitalmarkt und stärkt inflationäre Tendenzen. Dem verbalen Bekenntnis der Regierungen, die Defizite zu bekämpfen und ein besseres Gleichgewicht zwischen Kapitalnachfrage und Ersparnis anzustreben, müssen endlich Taten folgen. Mehr als heikel sind aber vereinzelt auftauchende Forderungen, Notenbanken, oder anderen unabhängigen Institutionen ähnlich wie in der Geldpolitik auch in der Finanzpolitik ein Mitbestimmungsrecht einzuräumen – die Budgethoheit ist schließlich das ureigenste Vorrecht gewählter Parlamente.

Andererseits kann es nicht der Weisheit letzter Schluß sein, daß die Notenbanken bei einem inflationstreibenden Defizit außer mahnen und warnen nur die Zinsen hochsetzen können – womit sie die Schuldenlast nur noch drückender machen. Leider trägt der Internationale Währungsfonds nicht dazu bei, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden: Er fordert einerseits von den Mitgliedsländern, schon bei der leisesten Ahnung eines Inflationsrisikos zu bremsen, versucht aber gleichzeitig, mit voller Kraft neue Zahlungsmittel ins weltweite Finanzsystem zu pumpen – woran er nur durch die mächtigen Industrieländer gehindert wurde, die damit allerdings einen Konflikt mit den Entwicklungsländern heraufbeschworen.

Damit die Notenbanken in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ihrer Aufgabe gerecht werden können, müssen schnell die Voraussetzungen geschaffen werden: neue, verläßliche Maßstäbe zur frühzeitigen Erkennung von Inflationsgefahren; eine Geldpolitik, die auch unter den Bedingungen völlig veränderter Finanzmärkte greift. Sonst wird die Politik der Zentralbanken zu einem riskanten Flickwerk.