Von Dieter Buhl

Bei ihrem ersten Versuch, in Haiti für Recht und Ordnung zu sorgen, mühten sich die Amerikaner fast zwanzig Jahre lang ab. Sie mußten unverrichteter Dinge abziehen, denn die haitianischen Nationalisten wollten sich dem hegemonialen Anspruch und missionarischen Eifer der Yankees nicht beugen. Diesmal wird die Expedition der amerikanischen Truppen nicht so lange dauern. Das gewährleisten schon die Fernsehbilder von Mord und Totschlag aus dem Inselstaat, die täglich in den Wohnstuben der US-Bürger für Beunruhigung sorgen. Wo sich GIs in einem solch gefährlichen Gelände bewegen, kann Präsident Clinton nicht mit der Geduld von Kongreß und Wahlvolk rechnen. Schon gar nicht, wenn sein Auftrag an die Soldaten einer mission impossible gleicht.

An Warnungen vor einem Abenteuer in Haiti hat es nicht gefehlt. Doch gab es für Bill Clinton durchaus Gründe, den haitianischen Knoten zu durchschlagen. Über ein Jahr lang haben die Gewaltherrscher des kleinen Antillenlandes den amerikanischen Giganten an der Nase herumgeführt. General Cédras und Konsorten machten aus dem Abkommen von Governors Island, das unter dem Segen der Uno ihre Abdankung festschrieb, Makulatur. Sie traten nicht, wie versprochen, zurück. Statt dessen schickten sie den Mob gegen ein Schiff der US-Navy, das in friedlicher Absicht anlanden wollte. Sie mäßigten ihr Terrorregime nicht, sondern ließen Mord und Totschlag so eskalieren, daß immer mehr Haitianer ihr Heil in der Flucht nach Amerika suchen wollten.

Selbst einem harmoniebedürftigen Präsidenten wie Bill Clinton mußten nach diesen Demütigungen die Zornadern schwellen. Auch wenn die Appeasement-Aktion des sanften Jimmy Carter den Oberbefehlshaber vor einem militärischen Gewaltakt bewahrte, den Countdown ins haitianische Risiko konnte die Besänftigungstour nicht mehr stoppen. Dafür hatte sich Clinton schon zu weit vorgewagt. Nun halten bereits mehr als 20 000 US-Soldaten das Land besetzt. Mit jedem von ihnen wächst die Gefahr, daß Amerika Blutzoll am Wege in eine Sackgasse entrichten muß.

Anfangserfolge wie die Wiedereinsetzung des Bürgermeisters von Port-au-Prince oder die Schläge gegen die paramilitärischen Schergen der Junta können für einen Augenblick Hoffnung auf ein gutes Ende wecken. Aber die härtesten Prüfungen stehen noch bevor. Wird das Terrorregime die Macht abgeben und dem gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, wie vereinbart, am 15. Oktober Platz machen? Oder müssen die Gewaltherrscher erst aus ihren Bastionen geschossen werden? Die Demonstration amerikanischer Stärke überall im Land zeigt gewiß Wirkung. Fanatismus und Überlebensangst von Mordbuben aber lassen sich nicht durch das Vorzeigen von Tanks und Kanonen überwinden.

Die zweite und wichtigste Haiti-Etappe der Amerikaner birgt noch weitaus größere Schwierigkeiten. Wie wollen sie in einem Land die Demokratie "wiederherstellen", dessen demokratische Tradition in einer einzigen freien Wahl eines Präsidenten besteht, der dann auch noch nach nur neun Monaten aus dem Amt gejagt wurde? Wie soll der Übergang von der Diktatur in eine freie Gesellschaft funktionieren, wo es keine Parteien, keine unabhängige Justiz und keine tragfähige Mittelschicht gibt? Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt. 95 Prozent der Bevölkerung leben von der Hand in den Mund. Aristides Bewegung "Lavalas" (die Flutwelle) will die wenigen reichen Clans aus ihren Palästen schwemmen. Dagegen jedoch stemmen sich die amerikanischen Besatzer. Sie wollen die Demokratie, aber keine Revolution.

Nun stehen die Soldaten der Supermacht zwischen den Fronten, schwerbewaffnet und doch hilflos. Sie können das in beinahe 200 Jahren gewucherte Geflecht von Voodoo und Gewalt nicht durchschlagen. Die Erfahrungen aus Vietnam, dem Libanon und Somalia werfen ihre Schatten. Amerika hat Gutes versucht und Schlimmes erfahren. Demokratie ist eben ein sperriges Exportgut. Bevor es in Haiti je ankommt, wird viel Zeit vergehen. Zu viel für die amerikanischen Wähler, die um das Leben ihrer Söhne und Töchter bangen müssen.