Neugierige werden in beiden Bänden versorgt. Wer war der Großvater? Ein Analphabet. Was hat Hilbig gelesen, da es zu Hause keine Bücher gab? Prosa- und Kunstmärchen der deutschen Romantik. Wann kam er in den Leipziger "Zirkel schreibender Arbeiter"? 1964. Wo lernte er seine späteren Freunde Gert Neumann und Siegmar Faust kennen? Auf einem Vorbereitungsseminar für die Arbeiterfestspiele 1965. Wer findet den schönen Ausdruck, Hilbig sei der "Hölderlin des Tagebaus"? Karl Corino. Wer nennt ihn "ein großes Kind, das mit Meeren spielt"? Franz Fühmann. Wem gefällt das "Phantastische, Surreale und Parabolische ä la Kafka", wer sinniert über die "Abwesenheit von Frauen" in Hilbigs Werk? Roberto Cazzola (Stimmt gar nicht, was ist mit Hilbigs "Weibern" oder der versteckten Liebesgeschichte in der Erzählung "Versuch über Katzen"?) Und wem gelingt der schöne, naheliegende Vergleich mit der Filmkunst Andrej Tarkowskijs?

Beide Materialbände sind mit Originaltexten Hilbigs eingeleitet, etwa mit der Danksagung für den Bremer Literaturpreis: Warum sich ein Künstler nicht gern für Preise bedankt. Es langweilt ihn, er solidarisiert sich mit dem Leser, er lästert über den "Literaturbetrieb". Besser reden läßt es sich zu Franz Fühmanns 60. Geburtstag. Da spricht Hilbig Großes und auch über sich. In Heft 123 von Text+Kritik kommt der bessere Hilbig zu Wort. Erstickt und den Flammen nahe, wie Professor Kien in Canettis "Blendung", fühlt sich Hilbigs Held in der Erzählung "Der Geruch der Bücher". Das Feuer ist Hilbigs Lieblingsmetapher. Leistet der Heizer beim Verbrennen der Kohle nicht die bessere Arbeit als der Schriftsteller beim Aufschreiben der Worte? Eine Frage, die Hilbigs Werk durchzieht und forciert.

"Seit zwanzig Jahren redete ich mir dasselbe ein: Es ist kein Boden unter meinen Füßen!" In der Tat, Hilbigs Texte dokumentieren einen Schwebezustand. Immer drückt sich durch das Lebendige das Verwesende. Die Asche ist Hilbigs Pathosformel. Sein Pompeji ist die DDR. Zwischen (Selbst )Reflexion und Zustandsbeschreibung finden die vier exemplarischen Erzählungen aus den Jahren 1983 1989 1992 und 1994 ihren Ort, die in dem Band "Die Arbeit an den Öfen" zusammengefaßt sind. In der Titelerzählung tritt der aus Hilbigs Werk als Alter ego bekannte Heizer C in Erscheinung. Gleichnishaft werden Schikane und Absurdität des Alltags an den Öfen der Schikane und Absurdität des Schriftstelleralltags gegenübergestellt "Mit Vergnügen, sagte C, rein in die Öfen mit dem Schriftgut!" Gegen das Räsonieren über das politische System ist ein Räsonieren über das eigene Ich gesetzt. Hilbigs Sprache ist in dieser Erzählung knapp, fast schnell. Zwei Farben benutzt er: Schwarz und Weiß. Das Weiß wird aber sofort grau, grau wie der Schnee. Der um die ausufernde Betonung des "Wesens" und des "Wesentlichen" gebrachte dramatische Hilbig ist der bessere Hilbig. Die Erzählung "Die Territorien der Seele" (1983) zeigt, wie er schrieb, als er unmittelbar litt und der Staat Umwege der Sprache verlangte.

Nicht der Druck sinkt in den Jahren freier Reiseerlaubnis und der endgültigen Übersiedlung in den Westen nach dem Fall der Mauer. Die Umschreibungen nehmen ab. Hilbig kann und darf alles sagen, er kann und darf Gegenstände und Zugehörigkeiten benennen. Die Verstecke der Sprache, die Schutz- und Tarnzonen entfallen. Für sein "Portrait" der Leipziger SchillerStraße ist Hilbig zu Recht viel gelobt worden, und auch der Junghanßstraße hat er einen Gedenkstein des Schreckens im "Versuch über Katzen" (1994) gesetzt. Auffallend häufig benutzt er die Zeitbestimmung "während", um die Gleichzeitigkeit von Ereignissen zu beweisen. Zwar stößt man auch hier noch auf das "unentzifferbar Wesentliche", aber der beschreibende "freie" Hilbig stellt mit sicheren Strichen die Auflösung einer dem Verkommen ausgesetzten Notgesellschaft dar. Der Band "Arbeit an den Öfen" ist ein Vademecum, eine Anleitung zum Hilbig Verständnis, ein Rekurs auf die Veränderung eines Staates und dessen Einfluß auf die Veränderung des Schreibens.

"Die Kunde von den Bäumen" ist ein komplizierterer Text, eine Selbst- und Schreiberforschung. 1992 erstmals in beschränkter bibliophiler Ausgabe erschienen, liegt er jetzt als überarbeitete Fassung vor. Es geht um das "Ich" und das "Wir". Die Fragen überwiegen. Die Erinnerung ist ihr Gegenstand. Die Gebäude des Schriftstellers werden gestürmt. Erzählen, scheinbar ohne Anlaß. Oder Anlaß sind die Kirschbäume der Kindheit. Die Phantasie hat sich nach den Heizern den Müllmännern als Gehilfen beim Sammeln und Vernichten von Schriftgut zugewendet. Hier fällt Hilbig in seine alte tranceartige Suada, der romantische Mitleidston ist eine Manier. "Und die Jahre des Alters hatten begonnen zu läuten, anhaltend und dumpf, und es gab keine Ausflucht mehr "

Es ist ein versprengter und durchsetzter Text. Privat, wie Hilbigs Prosa immer, erlitten, sehnsüchtig, mit den Wettern und mit dem Wind eifernd, gebrochen, unerträglich gefühlig, zeitlos. Eine Gegenwart gibt es nicht. Geräusche übermitteln Stimmungen zwischen Asche und Müdigkeit. Hilbig lesen heißt, sich einem Dämmerzustand anvertrauen. Es ist ein Vorbereitungskurs zur Einäscherung der Welt.

Verlag edition text+kritik GmbH, München 1994; 99 S, 24 - DM Herausgegeben von Uwe Wittstock; ft 2490, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1994; 248 S, 24 90 DM Erzählungen; Friedenauer Presse, Berlin 1994; 100 S, 28 - DM S. Fischer Verlag, Frankfurt 1994; 119 S, 24 80 DM