POTSDAM. – Karin Heßler (Name von der Redaktion geändert) kam mit einer „Stinkewut“ auf die beiden „jungen Herren“, die da sitzen, als ob jemand ihren Blick an die Tischkante genagelt hat. Am liebsten wären sie ja gar nicht hier. „Irgendwie peinlich“ ist ihm das, druckst Steffen, und „daß man sich verdammt blöd fühlt, wenn man Mist gebaut hat“, brummelt Jochen. Den Mist haben die beiden Potsdamer Schüler zu nächtlicher Stunde auf dem Grundstück der Familie gebaut. Irgendwer in der Clique hatte das Gerücht aufgebracht, die Heßlersche Garage diene als Vorratslager für polnische Zigarettenschmuggler. Also die Tür aufgebrochen und nikotinschwere Beute gemacht! Der große Coup geriet zur Blamage. Statt Zigarettenstapel fanden sie nur rostige Gartengeräte vor. Ihre Wut über den Reinfall ließen Steffen und Jochen gleich tatkräftig aus. Garagenwände wurden mit Farbe besprüht, Regale wahllos durch die Gegend geworfen. Als Karin Heßler die Eindringlinge auf frischer Tat ertappte, sah ihre Garage wie ein Schlachtfeld aus. „Rotzfrech“ seien die „Bengel“ ihr gekommen, als sie sie zur Rede stellte. Da hat sie aus Wut über so viel Dreistigkeit die Polizei geholt, „obwohl man das auch anders hätte regeln können“. Alles weitere ist aktenkundig: Steffen und Jochen wurden in Handschellen bei ihren Eltern abgeliefert.

Der Fall landete beim Staatsanwalt. Normalerweise hätten die Heßlers die beiden jugendlichen Delinquenten vor Gericht wiedergesehen. Jetzt aber sitzen sie sich an einem Tisch gegenüber, an dem schon viele mühevolle Dialoge geführt wurden. Der Tisch steht in der Vermittlungsstelle für Opfer und Täter in der Potsdamer Heinrich-Mann-Allee. Seit mehr als einem Jahr probt man hier ein Experiment, das in ganz Brandenburg Schule machen soll. „Täter-Opfer-Ausgleich“ (TOA) lautet die fachliche Bezeichnung – persönliche Konfliktbereinigung zwischen Opfer und Täter einer Straftat, die Herstellung des „Rechtsfriedens“ ohne Einschaltung der komplizierten Justizmaschinerie.

Der Täter-Opfer-Ausgleich ist nicht neu innerhalb der Gerichtsbürokratie. Seit Mitte der achtziger Jahre ist er als Möglichkeit im Jugendstrafrecht verankert, und auch im Erwachsenenstrafrecht ist er unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Seit Jahren schon praktizieren Modellprojekte, freie Träger und Jugendgerichtshilfen diese außergerichtliche Konfliktlösung. Doch all diese lokalen Einrichtungen sind kaum mehr als zufällig gesetzte Mosaiksteinchen in der bundesdeutschen Justizlandschaft. Als einziges Bundesland hat jetzt Brandenburg den Täter-Opfer-Ausgleich flächendeckend zur festen Institution erhoben. Gefördert vom Justizministerium in Potsdam und angesiedelt bei den Sozialen Diensten der Justiz, werden in allen Landgerichtsbezirken eigenständige Vermittlungsstellen für Opfer und Täter eingerichtet. Die Vermittlungsstelle in der Heinrich-Mann-Allee, wo Steffen und Jochen gerade schwitzend der Familie Heßler gegenübersitzen, ist Vorreiter dabei.

Mehr als 160mal haben Sozialarbeiter Jürgen Gernentz und seine Kollegen im vergangenen Jahr als Vermittler fungiert. Nur in 18 Fällen scheiterte der Versuch, Täter und Opfer an einen Tisch zu bringen und einen von beiden Seiten akzeptierten Ausgleich zu erzielen. Der Garageneinbruch von Jochen und Steffen gehört da in die leichtere Kategorie. An der Spitze der Delikte, wo es zur persönlichen Konfliktbereinigung kam, standen Körperverletzungen. Jürgen Gernentz hat in einjähriger Erfahrung „überraschend viele harte Sachen geschlichtet, wo anfangs keiner geglaubt hat, daß das klappt. Entscheidend ist nicht die Schwere der Tat oder das drohende Strafmaß“, meint Gernentz. „Entscheidend ist, daß etwas in den Köpfen von Tätern und Opfern passiert.“

Grundgedanke des Täter-Opfer-Ausgleichs ist die Suche nach anderen Formen der strafrechtlichen Ahndung – eine Ahndung, die dem Opfer eher gerecht wird als ein Gerichtsverfahren, in dem es als Zeuge zu Sachfragen Auskunft gibt, nicht aber als Person zu Gefühlen und Ängsten. Eine Ahndung aber auch mit vorrangig erzieherischem Aspekt: Der Täter soll nicht büßen, sondern wiedergutmachen. „Die Leute müssen andere Konfliktbewältigungsmechanismen lernen“, meint Sozialarbeiter Gernentz, „sonst stehen sie als Täter bald wieder auf der Matte.“ Voraussetzung ist, daß der Täter die Tat nicht bestreitet. Prinzip Nummer zwei: Keine der beiden Seiten darf gezwungen werden, daran teilzunehmen. Doch die Bereitschaft ist erstaunlich hoch – allen Rufen nach härteren Strafen zum Trotz. Empirische Untersuchungen zeigen: Etwa neunzig Prozent der Täter sind zu dieser Form der Konfliktbereinigung bereit, aber auch achtzig Prozent der Opfer.

Die Begegnung zwischen Täter und Opfer führt oft zu denkwürdiger Annäherung: Als mehrere rechtsradikale Jugendliche den libanesischen Flüchtlingssohn Hassan vom Fahrrad zerrten und ihm das Fahrzeug demolierten, wurde nur Sven geschnappt. Zum Vermittlungsgespräch in der Heinrich-Mann-Allee erschien Hassan mit gehöriger Wut im Bauch und einem schlagkräftigen Kumpel als Beistand. Eine Weile saßen alle schweigend um den großen Tisch, dann brach das Eis. Sven entschuldigte sich, reichte Hassan die Hand und wollte ihm die vereinbarten 150 Mark Schadensersatz überreichen. Doch Hassan wehrte ab. „Das wäre ungerecht. Ihr wart ja zu dritt, als ihr mich überfallen habt, also gibst du mir fünfzig Mark, okay?“

Längst nicht immer funktioniert die Verständigung, doch bei dreißig bis vierzig Prozent aller Straftaten, so schätzen optimistische Experten, könnte der Täter-Opfer-Ausgleich eine Alternative zum folgenschweren Strafprozeß sein. Ein Allheilmittel ist er nicht, das weiß man auch in Brandenburg, „aber schließlich darf die Justiz nicht nur Repressionsinstrument sein“, meint Cornelius Bernstorff, Ministerialrat im brandenburgischen Justizministerium, „es gibt einen Riesenausgleichsbedarf, und da darf man es nicht dem Zufall überlassen, ob in einer Stadt gerade eine Vermittlungsstelle existiert oder nicht.“ In Brandenburg gibt ein Runderlaß des Justizministeriums dem TOA ausdrücklich grünes Licht. Dennoch müssen die Vermittlungsstellen auch hier „Klinken putzen“, damit die Staatsanwälte ihnen Fälle überweisen.