Von Nina Grunenberg

Herausforderer haben es schwer, zumal die von Helmut Kohl. Aber aus der Opposition heraus Kanzler werden zu wollen, ist in Deutschland nicht nur schwer, es ist selbstmörderisch. Die SPD nimmt jetzt den vierten Anlauf. Die Kandidaten, die sie dafür in zwölf Jahren verschlissen hat – 1983 Hans-Jochen Vogel, 1987 Johannes Rau, 1990 Oskar Lafontaine waren alle bekannter und hatten mehr politische Erfahrung als Rudolf Scharping.

Sich seinetwegen auf einen Wechsel zu freuen ist viel verlangt. Er ist nicht durchgetestet wie Vogel, er verkündet keine frohe Botschaft wie Rau, er trifft auch keinen Nerv wie Lafontaine. Er wirkt ordentlich und solide, aber auch ein bißchen blaß und ziemlich zäh – Typ Juniorchef. Daß er als Herausforderer von Helmut Kohl keine Erlöserträume erfüllt, weiß er inzwischen selber. Es wurmt ihn, daß ihm für seinen Ehrgeiz noch die richtige Größe fehlt und für das Orientierungsbedürfnis der Menschen die mitreißenden Ideen. Aber wer hat sie in diesem Wahlkampf? Ein Zukunftsentwurf für die neue deutsche Gesellschaft fehlt nicht nur Rudolf Scharping. Auch wenn er dem, was er im Innersten empfindet, durch Worte keine Flügel geben kann, läßt er eines doch deutlich werden. Kein Mißerfolg, kein Fehlschlag und keine Kritik haben ihm bis jetzt etwas von seiner ruhigen inneren Gewißheit genommen: "Ich bin es, verlaßt euch drauf."

"Mehr Brustkorb, Rudolf", rief ihm in Gelsenkirchen ein freundlicher Mensch zu, "mehr aufdrehen, mal auf den Tisch hauen." Der Persönlichkeitswahlkampf, den ihm die Medien und der Kanzler aufzwingen, ist für Scharping ein hartes Brot. Mit sieben Kamerateams auf die Wenk zu steigen, einen Berg, den in Garmisch-Partenkirchen jeder Tourist (mit der Bergbahn) bezwungen haben muß, um mit seiner Frau Jutta aus PR-Gründen auf der Almwiese zu posieren, kommt ihm abartig vor, weil nicht zur Sache gehörig. Erst langsam lernt er, medienorientiert zu denken. Es fällt ihm schwer, nur über symbolische Gesten und öffentliche Stimmungserzeugung zu wirken. Sein ausgeprägter Wirklichkeitssinn braucht den persönlichen Kontakt zum Wähler.

Als er noch kleiner Oppositionsführer in Rheinland-Pfalz war, zog er vier Jahre lang über die Dörfer und suchte sich für jeden Ort ein eigenes Thema – hier die Umgehungsstraße, dort der fehlende Kindergarten, da die Sorgen der Winzer und nebenan die Probleme der Fabrik. Das "Miteinander-Reden" war ihm wichtig und machte ihn als fleißigen und bodenständigen Landespolitiker bekannt. Sicher, wenngleich langsam, robbte er sich an die Macht in Mainz heran.

Trotz der Verschleißerscheinungen der CDU errang er den Sieg für die SPD aber erst 1991, beim zweiten Versuch, als der erfahrene Ministerpräsident Bernhard Vogel nicht mehr da war und seine Diadochen der SPD leichtes Spiel erlaubten. Die CDU in Helmut Kohls Stammland nach 44jähriger Regierungszeit aus dem Tempel getrieben zu haben war ein persönlicher Erfolg, mit dem der damals Vierundvierzigjährige die Blicke zum ersten Mal bundesweit auf sich zog. Allmählich verbreitete sich in der SPD der Eindruck: "Er kann es."

Das ist nicht mehr als drei Jahre her. Noch im Juni 1993, als Scharping sich schon auf die Kandidatenkür für den SPD-Parteivorsitz vorbereitete, meinte er in einem Gespräch selbstbewußt: "Ich bin langsam wachsendes Holz, das bricht nicht so schnell." Aber verglichen mit Willy Brandt, der sein halbes Leben brauchte, um Kanzler zu werden und seinen Gedanken Gestalt zu geben, oder Helmut Kohl, der seine politischen Niederlagen und Erfolge schon nicht mehr zählen konnte, als er 1982 Regierungschef wurde, hat sich Rudolf Scharping wenig Reifezeit gegönnt.