Ein Buch der Angst. Ein angstmachendes Buch, und doch ein Buch - Zauber der Wortkunst! , das den Leser von jeder Angst erlöst. Nach den vielen Büchern, die in unserem Jahrhundert über Diktatur und den totalitären Staat geschrieben worden sind, geschrieben werden mußten, ein neuer Ton. Märchenhaft raunend oft, bilderselig - und gerade dadurch erschreckend. Erlebte, erlittene Wirklichkeit, nicht in der Protokoll Prosa des Dokuments, sondern im wilden Tanz einer Poesie jenseits realistischer Abbilder.

Das Wagnis gelingt: Nie gerät der Leser, kopfnickend, in Versuchung zu denken - ja, so war es, das kennt man, hat man gelesen; stets sträubt sich das Bewußtsein gegen die neue Wahrnehmung. War es wirklich so? Ist es wirklich so? Denn die Erzählerin entführt uns nicht einfach auf den Balkan, wo ein transsylvanischer Tyrann mit ausgefeimten Methoden der Folter und Gehirnwäsche das Volk unterdrückt, sondern sie mutet uns zu den Blick in den eigenen Kopf, ins Herz, wo jeder als sein persönlicher Potentat herrscht oder rasch zum Tyrannen aus Angst umerzogen werden kann.

Von Baudelaire stammt der Rat, darauf zu achten, welche Worte ein Dichter am häufigsten verwendet, um das wahre Thema hinter verschleiernden Vokabeln zu erkennen. Gibt es auf den 256 Seiten dieser "Roman" genannten Prosa Poesie aus lauter kurzen Absätzen in nicht chronologischer Erzählung auch nur eine ohne die Silbe "Angst", eines der Hauptwörter dieses Jahrhunderts?

Gemeint ist nicht der Aha Effekt des Wiedererkennens, etwa wenn wir von Arbeitern lesen, die sich am Morgen nach einer durchzechten Nacht an möglicherweise staatsgefährdende Rülpsereien zu erinnern suchen: "Sie mahlten im Hirn jedes Wort noch einmal durch, das sie im Suff geschrien hatten. Sie saßen kindisch in den Gedächtnislükken des vergangenen Tages. Sie fürchteten, daß sie in der Bodega etwas geschrien hatten, was politisch war. Sie wußten, daß die Kellner alles melden. Wenn auch die Zunge nur noch lallen kann, verläßt die Gewöhnung der Angst die Stimme nicht. Sie waren in der Angst zu Hause "

Nein, Angst kriecht auch herein, wenn das Wort fast oder ganz vermieden wird. Die Ich Erzählerin schleicht sich zum ersten Mal durch den verwijderten Garten zu der "Sommerhaus" genannten Baracke, in der eine Gruppe junger Dissidenten verbotene Bücher, geheime Notizen versteckt: "Ackerwinden rochen süß in den Abend, oder war es meine Angst. Dann piepste ein verirrtes, junges Huhn im Weg. Es klagte in dieser blühenden Wildnis und fand nicht hinaus und lief um sein Leben. Die Grillen zirpten, aber das Huhn war viel lauter. Es wird mich verraten in semer Angst, dachte ich mir. Jede Pflanze sah mir nach " Angst wird im Land des allmächtigen, allwissenden, alle und alles ausspionierenden Diktators zum Ersatzwort für Leben. Um in Ruhe miteinander reden zu können, verkriechen sich zwei Widerständler in eine lärmende Kneipe. Kaum sitzen sie, naht eine Polizeikontrolle. Die Stammgäste ahnen, wem die Staatsaufsicht gilt. Einer der Verschwörer muß schließlich zum Zug. Dann nur dieser Satz, den man überlesen könnte, der doch alles ausplaudert über Unterdrückung: "Die Schichtarbeiter wurden lauter, als Edgar gegangen war "

Ähnlich verschwiegen der Bericht über ein Folter Verhör: "Georg mußte sich auf den Bauch legen und die Arme auf dem Rücken verschränken. Georg wußte nicht, wie lange das gedauert hat. Auf dem Tisch des Hauptmanns stand ein Zyklamentopf, sagte Georg. Als Georg zur Tür hereinkam, war nur eine Blüte offen. Als er gehen durfte, waren zwei Blüten offen "

Angst - das eine Wort, die eine Silbe: wie vielstimmig ohrendröhnend, lebenzerstörend können die fünf Buchstaben werden. Dies ist die Not am Grund von Herta Müllers Überlebensbericht. Daß die 1953 in Nitzkydorf im Banat geborene Autorin, 1987 Ceau§escus Rumänien entkommen, in der Erinnerung an eigenes Leid, "Angst" vornehmlich politisch erlebt und darstellt, darf nicht vergessen lassen, daß die Autorin, über alle Zeitgeschichte hinaus, eine Klage anstimmt über jene andere Angst, die jedes Vertrauen zwischen Menschen, Liebenden auffrißt - und auch den von ihr Befallenen nicht verschont. Dies macht Herta Müllers poetisches Epos, das auch "bloß" als politischer Roman gelesen werden könnte, zu einem bedeutenden Buch.