MÜNCHEN. – Zwölf Hektar groß ist das Stück Land am Ende der Start- und Landebahnen des Münchner Flughafens, auf dem mehrere Bagger herumkurven. Auf diesem grünen Fleck im Erdinger Moos entsteht das „Erdzeichen“, eine „Landskulptur“, die nur aus der Luft zu sehen sein wird. Drei Jahre lang haben zwei Münchner Künstler, der Bildhauer Karl Schlamminger und der Maler Wilhelm Holderied, an diesem Projekt herumgedacht und geplant. In dieser Zeit haben sie die Skepsis der Flughafengesellschaft überwunden, die ihnen den Boden verpachten mußte, sind die Künstler, die eigentlich nur einen Traum verwirklichen wollten, zu Experten für Landschaftsschutz, Wasserwirtschaft, Forstwesen, Straßenbau, Flugsicherung und die „Vorschriften des Vogelschlags“ geworden.

Das Warten und Zittern hat gefruchtet. Noch vor Ende des Jahres wird der Flughafen etwas haben, was weltweit kein anderer Flughafen besitzt: ein Erdzeichen namens „Eine Insel für die Zeit“. Vergangene Woche sprang der bayerische Finanzminister Georg von Waldenfels beherzt auf einen Bagger und senkte dessen stählerne Kralle in den feuchten Isarkies im Erdinger Moos. Auf dem 260 Meter langen und 200 Meter breiten Areal entsteht ein riesiges Relief in Form einer Doppelspiralschleife – ähnlich einer liegenden Acht. Das Ungewöhnliche an diesem Erdkunstwerk ist, daß zu seiner Entstehung nichts hin- und nichts weggeschafft werden muß. Seine Konturen werden aus dem Isarkies gefurcht, der Aushub wird zu vier Meter hohen Wällen aufgeschüttet.

Das mächtige Erdzeichen ist mächtig teuer. Und so haben sich die Künstler vor Monaten eine Bilder- und Graphikaktion unter dem Titel „Be Part of Art“ einfallen lassen, mit der sie private Sponsoren einluden, Meter-Segmente der Skulptur als ideelle Kunstwerke für je vierhundert Mark zu erwerben.

Aus der Anwesenheit des bayerischen Finanzministers und des Geschäftsführers der Flughafengesellschaft beim Anbaggern darf nicht geschlossen werden, daß der Staat den Künstlern oder dem Kunstwerk finanziell beistehen will. Außer freundlichen Worten und der Begeisterung über so viel Privatinitiative war ihnen nichts zu entlocken. Nicht einmal die Pacht von 6000 Mark pro Jahr mag der Flughafen denen schenken, die „MUC II“ mit ihrer spektakulären Aktion aus der Masse der anonymen Airports rund um die Welt hervorheben wollen.

Die „Insel für die Zeit“ – als Antithese zum Flughafen gedacht – wird für Passagiere, die einen Fensterplatz ergattern, beim An- oder Abflug höchstens zwölf Sekunden lang zu sehen sein. „Was hier nun gebaut wird“, erklärt Karl Schlamminger, „ist ein Ort, der zwar nicht als Landebahn für Flugzeuge taugt, aber als Landebahn für das Morgenlicht, den Flugsamen, den Schnee, die Libellen und besonders für die nicht verplante Zeit.“

Schier endlose Linien und gigantische Figuren sind vor vielen hundert Jahren in den Wüstenboden Perus gescharrt worden. Wir wissen nicht, warum – und schon gar nicht, wer sie überhaupt in ihrer Ganzheit sehen konnte. Diesmal aber wissen wir, warum das Erdzeichen im Erdinger Moos steht und wer es geschaffen hat. Doch „wenn man das Erdzeichen nach Ablauf von zehn Jahren Pacht nicht einebnet“, notiert Schlamminger, „wild es noch nach Jahrhunderten aus der Luft zu erkennen sein“. Christine Brinck