Von Fredy Gsteiger

Lyon

Von der schicken Place Bellecour im Zentrum sind es bloß sechs Metro-Stationen bis in den Orient. Und seit Freitag vergangener Woche hat das muslimische Lyon eine stolze, weithin sichtbare Moschee. Am Boulevard Pinel ragt die Große Moschee empor, schlank, elegant, in strahlendem Weiß und 25 Meter hoch, wie ein Gegengewicht zur trutzigen Basilika am anderen Ende der Stadt auf dem Hügel von Fourvière. Die 130 000 Muslime in Frankreichs zweitgrößter Stadt (300 000 sind es in der Region Rhône-Alpes) haben bisher in muffigen Hinterhöfen gebetet, in alten Garagen, in engen Privatwohnungen, in ungenutzten Lagerhallen. Im Ghetto also.

Fast ein Vierteljahrhundert verging, bis die zweitwichtigste Moschee in Frankreich (nach der 1926 gebauten in Paris) eröffnet werden konnte. Prozesse und Polemiken, politische Manöver und Proteste verzögerten den Bau. Für einen symbolischen Franc gab zwar die Stadt ein Grundstück, bezahlt aber haben das Gotteshaus letztlich die Saudis. Seit Jahren agitiert die rechtsextreme Nationale Front gemeinsam mit Tausenden von der onern gegen das Vorhaben. Auch am Tag der Einweihung wollte Jean-Marie Le Pen seine Getreuen auf die Straße bringen, verzichtete aber angesichts des großen Polizeiaufgebots auf die geplante Demonstration. Der regionale Chef der Rechtsextremen meinte trotzig, er sei zwar "nicht gegen Muslime und Araber. Aber jeder soll bei sich bleiben, dann ist allen gedient".

"Bei sich" heißt aber für die Mehrheit der Muslime längst: in Lyon. Bürgermeister Michel Noir hat das schon eingesehen: "Die Vernunft lehrt uns, daß der Islam bei uns eine Kultstätte braucht, sichtbar und schön. Millionen von Muslimen haben Frankreich geheiratet und seine Werte umarmt." Viele seiner Wähler sehen das anders. Polizeisperren, Ausweiskontrollen, Gepäckdurchsuchungen und ein hoher Zaun belegten, wie heikel eine Moschee-Einweihung nach wie vor ist. Seit dem Tod von Kardinal Albert Decourtray, dem Primas von Gallien, ist der Dialog zwischen den Religionen noch schwieriger geworden. Der Kardinal hatte sich zeitlebens für die Versöhnung von Christen, Juden und Muslimen eingesetzt. Vor drei Wochen starb er. Wird sein noch unbenannter Nachfolger diese Tradition im überaus katholischen Lyon fortführen?

Mißtrauisch und mißmutig beobachteten die Anwohner am Freitag die Ankunft der Gäste. Zwar haben sie durchgesetzt, daß das Minarett nur halb so hoch ausfiel wie ursprünglich geplant und daß kein Gebetsruf durch das achte Arrondissement schallen wird. Doch reden sie immer noch von einer "islamischen Invasion", von "Horden von Dschellaba- und Turbanträgern" in ihrem kleinbürgerlichen Viertel und munkeln von terroristischen Anschlägen.

Die Moschee, die 2600 Betenden Platz bietet, wirkt keineswegs wie ein Fremdkörper in ihrer Umgebung: viel Glas, große Spiegel, klare, strenge Linien. Zur Eröffnung waren nur wenige bärtige Männer in langen Gewändern und verschleierte Frauen zu sehen. Die Männer trugen dunkle Anzüge mit Schlips, die Frauen frischfrisiertes Haar und nicht wenige hochgeschlitzte Kleider und hohe Schuhe. Im Gespräch machten sie deutlich, was sie sich von ihrem Gotteshaus erhoffen: Es solle eine wirklich "französische Moschee" sein, in der ein aufgeschlossener, toleranter Islam vermittelt wird.