Von Klaus Hartung

Leipzig

Vier lange Stunden dauerte die Kreisverbandssitzung der Bündnisgrünen in Leipzig. Im kahlen Versammlungsraum des „Hauses der Demokratie“ wurde „Schulz-Zuweisung“ (statt Schuldzuweisung) betrieben, wie es im parteiinternen Jargon heißt. Die Anwesenden hadern mit der Niederlage bei den sächsischen Landtagswahlen; sie hetzen auch ein bißchen gegen Werner Schulz, den Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl.

„Uns hat der entscheidende Prozentpunkt gefehlt, weil uns die Spitzenleute in den Rücken gefallen sind.“ Anklagepunkt: das Plädoyer für eine schwarz-grüne Koalition. Werner Schulz analysiert, differenziert und präzisiert seine Fehler mit der inneren Ruhe und Ergebenheit eines Sisyphos, der weiß, daß der Stein gleich wieder rollen wird. Ein einziger Anflug von Bitterkeit: „Ich werde mich in Zukunft etwas zurücklehnen. Ich habe in diesem Landesverband ein bißchen zuviel gemacht.“ Erschrocken ob dieser Härte, blickt der 44jährige suchend in die Runde, mit kleinen, vor Übermüdung geröteten Augen. Am Schluß sagt er noch: „Ich bitte alle, den Wahlkampf mitzumachen und mitzutragen.“

Mitzutragen? Nur noch zweieinhalb Wochen sind es bis zur Bundestagswahl. Dabei geht es nicht allein um das Abschneiden der Bündnisgrünen in Sachsen, es geht vor allem um den Wahlkreis 309 in Leipzig. Hier hätte Werner Schulz die einzigartige Chance, die politische Depression seiner Partei zu wenden. Am 2. August hatte die SPD ihren Wahlkreiskandidaten Michael Müller abberufen. Denn der ehemalige Pfarrer, der lange Zeit den Ortsverein vor jeder Infizierung durch ehemalige SED-Genossen bewahren wollte, hatte nach der Wahl in Sachsen-Anhalt die Vereinigung von SPD und PDS gefordert. Mithin könnte nun Werner Schulz mit den sozialdemokratischen Stimmen als einziger Grüner ernsthaft nach einem Direktmandat greifen.

Im Restaurant der liebevoll renovierten Nikolaischule, in der sich der versprengte Haufen der Leipziger Bürgerrechtler und erschöpften Stadtverwalter trifft, wird heftig über den Wahlkampf geredet. Werner Schulz müsse wühlen, sich bekannt machen, Klinken putzen. Der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Mädler beschwört ihn, in Pressekonferenzen wenigstens noch ein „paar Knaller“ loszulassen. Der Kandidat seufzt. Ein melancholischer Realist. Immerhin: Er habe ja schließlich eine ständige Kolumne in der Leipziger Volkszeitung gehabt. Die achtzehn Artikel werden jetzt als Büchlein herausgegeben. Außerdem hätte erst einmal geklärt werden müssen, inwieweit die SPD mitzieht. Gewiß, der SPD-Landesvorsitzende Karl-Heinz Kunckel hat die Sozialdemokraten zur Wahl von Werner Schulz aufgerufen. Eine Wählerinitiative wurde vorgestellt. Die Erstunterzeichner: Egon Bahr, Erhard Eppler, Wolfgang Thierse und auch der Leipziger Oberbürgermeister Hinrich Lehmann-Grube.

Thomas Mädler sitzt in seinem Büro. Der Blick fällt auf den „Felsenkeller“, in dem einst August Bebel redete. Mädler glaubt nicht, daß der Aufruf der Spitzengenossen viel bewirkt. „Da kann ich nicht einmal meine Frau überzeugen. Die Leute werden sagen, auf der einen Seite war der Müller, der mit der PDS wollte, und auf der anderen Seite sollen wir nun den Schulz wählen, der mit der CDU wollte.“ Ohnehin „sind Bundestagsabgeordnete hier anonym“, der „Aufruf verpufft“. Das ist auch die Überzeugung von Winfried Schneider-Deters, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Leipzig. „Die Partei ist in einem schlechten Zustand.“ Sie beschäftige sich nicht mit Politik, sondern mit Personen. „Wenn hier jemand aufgestellt wird, dann steht er allein, aus dem allgemeinen Gefühl der politischen Ohnmacht heraus.“ Außerdem habe die Partei nicht vergessen, daß Michael Müller in „SED-Manier“ geschaßt wurde, meint Mädler.