1989 Tagebuch der Wende

Folge 5

Mein emotionales Hocherlebnis im Herbst 1989 war der 9. Oktober in der Gethsemane-Kirche, der Montag, der auch die Antiklimax der Leipziger Demonstrationen darstellt. Ich habe das schon vielen Menschen erzählt, weil der Abend sich scharf unterscheidet von meinem Alltag jenes Herbstes, der hauptsächlich in politischer und publizistischer Hektik bestand.

Zum Bericht gehört die Beschreibung der depressiven Stimmung, die der 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober erzeugt hatte. Honecker hat nichts anderes im Sinn gehabt, als diesen Feiertag ungestört und pompös über die Bühne zu bringen.

Um Ruhe zu erreichen, hatte er Anfang Oktober der Ausreise aller Botschaftsflüchtlinge in den umliegenden "Bruderländern" zugestimmt, teilweise mehrmals, und hatte schließlich den letzten Ausgang in die ČSSR überhaupt verbarrikadiert. Um den 5. und 6. Oktober trafen die zahlreichen Delegationen anderer Länder zu den Festlichkeiten ein, unter ihnen Gorbatschow, der, nebenbei bemerkt, vor der ihn begrüßenden Menge den Ausspruch tat: "Gefahren lauern auf diejenigen, die nicht auf das Leben reagieren!"